Bereschit
Lieber Leser,
ein von den geistigen Führern von Lubawitsch aufgestellter Lehrsatz hat weite Verbreitung gefunden; er lautet: Schabbat Bereschit (also der Schabbat, an dem die erste Sidra, Bereschit, vorgetragen wird) hat Auswirkungen auf das ganze Jahr, und "Klang und Färbung" dieses Schabbats finden das Jahr hindurch ihren Niederschlag.
Dieser Grundsatz scheint einer näheren Erläuterung zu bedürfen, denn die Frage ergibt sich sofort: Warum sollte gerade dieser Schabbat diese besondere Dynamik besitzen? Warum sollte, zum Beispiel, ähnliches nicht für Schawuot gelten, den Tag der Offenbarung der Tora? Oder wären in der Tat alle Wochenabschnitte, in denen erst- und einmalig gewisse Gebote enthalten sind, nicht ebenso erheblich für das ganze Jahr? Worauf gründet sich die Ausnahmestellung von Schabbat Bereschit?
Die Antwort ergibt sich aus folgendem Gedankengang:
Im ersten Vers der Tora tritt der Begriff von "Erschaffen" (hebr. "Bara") auf, nämlich so: "Im Anfang erschuf (bara) G-tt Himmel und Erde", und das bedeutet: Erschaffen aus dem Nichts. Darin nun ist impliziert, dass der Schöpfungsakt notwendigerweise ein andauernder und anhaltender Vorgang ist, der sich in jeden Augenblick immer wieder ereignet. Es bedeutet daher, dass die Einzigartigkeit der "Sechs Tage der Schöpfung" – das ist der revolutionäre Wechsel aus dem ursprünglichen Nichts-Zustand in eine materielle Welt – etwas ist, das in jeden Augenblick seine Fortsetzung findet: Zu allen Zeiten gibt es ein Neu-Erstehen.
Schabbat Schalom
Das nunmehr herannahende Ende der "Herbstfeiertage" gibt Anlass, auf den ganzen, unter mannigfaltigen Vorzeichen stehenden Monat Tischrei zurückzublicken, in welchem jede Nuance des jüdischen Lebens zum Ausdruck kommt: ernste Tage, Fasttage und freudige Tage.
Der letzte Tag von Sukkot, Schmini Atzeret (Simchat Thora), drückt besonders die Liebe G-ttes zum jüdischen Volk aus. „Atzeret“ bedeutet „Anhalt“ und „Verzögerung“. Das heißt, G-tt hält uns noch einen weiteren Tag auf um mit Ihm zu feiern, bevor wir wieder in den Alltag zurückkehren.
Sukkot und Simchat Tora sind zwei Feiertage, die in besonderer Weise mit Ganzheit und Einheit zu tun haben. Das beginnt bei der Sukka (Laubhütte) - das Sitzen in der Sukka ist eine der wenigen Mizwot, die wir mit unserem ganzen Körper machen.
Warum wurde Simchat Tora an Schmini Azeret eingeführt und nicht an Schawuot „der Zeit, als wir unsere Tora bekamen“? Die übliche Antwort lautet: „Wenn wir die Tora vollenden, ist es angebracht, sich darüber zu freuen.“
Schabbat Bereschit, der Schabbat, an dem die Sidra Bereschit in der Synagoge vorgelesen wird, ist immer der letzte Schabbat im jüdischen Monat Tischrei.
Wenn wir alle von Adam und Eva abstammen, ist anzunehmen, dass unsere positiven und negativen Eigenschaften, unsere Schwächen und Stärken auf unsere ersten Vorfahren zurückgehen.
Juden, die den Schabbat einhalten, nehmen Rücksicht auf diese wöchentliche Unsicherheit, indem sie mit dem Schabbat etwas früher anfangen, als es nötig wäre.