Lieber Leser,

dieser Wochenabschnitt enthält das Gebot, das große Berühmtheit erlangt hat: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Für den modernen Menschen hört sich diese Ermahnung manchmal nur wie ein frommer Wunsch an, ohne tiefere Bindung an die Realität des Lebens. Er denkt: "Wie kann erwartet werden, dass man eine Person trotz ihrer augenfälligen Unzulänglichkeiten wirklich liebt?"

Es ist eine bekannte Tatsache, dass Liebe "blind" ist, und die blindeste aller Lieben ist die Selbstliebe. Jeder kennt genau die Fehler seines eigenen Charakters. Er weiß von seinen eigenen Unzulänglichkeiten mehr als jeder Außenstehende. Doch so stark ist seine Selbstliebe, dass sie diese Selbsterkenntnis erstickt; sie bringt ihn davon ab, seine Charakterfehler einzusehen, und er findet Entschuldigungen für all seine schlechten Taten.

Lasst uns nun eine ehrliche Selbstuntersuchung vornehmen und unsere Reaktion analysieren, wenn ein anderer unsere Fehler bemerkt und sie uns vor Augen hält. Wir erzürnen uns, nicht weil die Beurteilung falsch ist (wir wissen ja selbst zu gut, dass er einen tatsächlichen Fehler bemerkt hat), sondern weil uns klar ist, dass dieser Fehler einen ungünstigen Eindruck auf ihn gemacht hat: er sieht nicht leicht von unserer Verfehlung ab. In anderen Worten: Er hat die Blende unserer Selbstliebe entfernt und uns dadurch gezwungen, das ganze Ausmaß unserer Unzulänglichkeit zu erkennen – ein uns äußerst verhasster Zustand.

Schabbat Schalom

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Vor kurzer Zeit ist die erste deutsche Übersetzung des Siddurs "Tehillat Haschem" erschienen. Auch unser Webseiten-Team hat intensiv, vorrangig in der Lektoriatsarbeit, an der Verwirklichung des Siddur mitgewirkt. Einen Einblick in diesen außergewöhnlichen Siddur erhalten Sie hier und erwerben können Sie ihn hier.