Wajelech
Lieber Leser,
der Neujahrstag ist für uns Juden kein Tag der Ausgelassenheit, sondern ein feierlicher Tag des Gebets. Es ist der Tag des Gedenkens, denn der Schöpfer denkt an alle Kreaturen und beurteilt sie nach ihrem Verdienst.
Obwohl dieser Tag feierlich und ehrfurchtgebietend ist, wissen wir, dass der höchste Richter des Universums gütig und gnädig ist. Er will uns nicht strafen, sondern möchte uns dazu bringen, die Gesetze zu beachten, die er zu unserem eigenen Vorteil eigeführt hat. Darum hat er den Tag des Gerichts zu einem Tag der Vergebung gemacht.
An Rosch Haschana sind wir nicht unvorbereitet. Im Monat Elul verkündete der tägliche Klang des Schohars (außer am Schabbat) in der Synagoge das Nahen von Rosch Haschana. Im Elul achten Juden besonders darauf, alle religiösen Vorschriften einzuhalten: Sie nehmen sich mehr Zeit für die Gebete, geben Almosen, sind freundlich zu anderen und beschließen, falsche Gewohnheiten abzulegen. Wenn wir aufrichtig bereuen, erfasst ein wundervolles Gefühl unser Herz. Er ist, als habe Magie eine schwere Last von uns genommen. Wir können ein neues Leben anfangen wie ein unschuldiges, neugeborenes Kind.
Dieses Gefühl bringen wir am ersten Abend von Rosch Haschana mit in die Synagoge. Wir sind G-tt nahe, und unsere Gebete kommen aus tiefstem Herzen.
Chag Sameach weSchana towa umetuka
Schabbat Schalom
Nachdem Mose die Thora zu Ende geschrieben hat, gebietet ihm G-tt in unserem Wochenabschnitt, die Thorarolle an den heiligsten Ort zu legen: Nehmet diese Thorarolle und leget sie zur Seite der Bundeslade eures G-ttes. Wo wurde genau die Thorarolle hingelegt?
In der Sidra Wajelech vermittelt die Tora (Deut. 31, 10-13) die Vorschrift von "Hakhel", das ist die Versammlung des ganzen Volkes, von Männern, Frauen und Kindern, einmal alle sieben Jahre, wobei dann der König selbst aus der Tora vorließt.
G-ttes Geschenke sind ebenfalls Symbole, deren verborgenen Sinn wir ergründen müssen. Sie sind kein Selbstzweck.
Beim Propheten Jesaja finden wir den Ausspruch „suchet G-tt dann, wenn Er zu finden ist". Die Gelehrten des Talmud erklärten, dass sich dieser Satz auf die „zehn Tage zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur" bezieht.
Es ist üblich, sich an Rosch Haschana gegenseitig zu grüßen und zu beglückwünschen. Zusätzlich zum traditionellen Gruß „Kesiwah wachasimah towa“ – „Mögest du für ein gutes Jahr eingetragen und eingeschrieben sein“ – halte ich es auch für angebracht, dass wir uns gegenseitig ein herzliches „Masel Tow“ wünschen.
Nach dem G-ttesdienst gehen wir nach Hause zum Essen. An Rosch Haschana gibt es keinen Nachmittagsschlaf wie am Schabbat nach Cholent. Heute ist die Zeit zu kostbar.