Pessach
Lieber Leser,
wahre Freiheit ist Freiheit von Begrenzungen – äußerlich und innerlich; materiell, psychisch und spirituell. Mizrajim, das hebräische Wort für „Ägypten“, bedeutet „Grenzen“ und „Einschränkungen“. Jeziat Mizrajim („Auszug aus Ägypten“) ist das Bestreben, Grenzen zu überschreiten und sich über alles zu erheben, was die Seele des Menschen hemmt.
Einer der Faktoren, der uns Menschen am stärksten einengt, ist die Zeit. Die Zeit trägt die Vergangenheit fort und verbirgt die Zukunft. Sie begrenzt unser Leben auf einen dahinsausenden Punkt, den wir „Gegenwart“ nennen.
Aber am ersten Pessach-Abend brechen wir die Fesseln der Zeit, denn wir haben die Aufgabe, den Exodus so zu erleben, als wären wir selbst Flüchtlinge aus Ägypten.
Wir denken an den Exodus, fassen ihn mit den Texten der Haggada in Worte, verdauen ihn in Form von Mazzot und Maror. Wenn wir die Jahrhunderte an uns vorbeiziehen lassen, wird die Erinnerung – dieser vage Rest der Vergangenheit, der meist unsere einzige Antwort auf die Tyrannei der Zeit ist – zur Erfahrung, und die Geschichte wird gegenwärtig und real.
Pessach ist ein achttägiges Fest mit zwei Eröffnungs- und zwei Schlusstagen, an denen wir besonders achtsam sind und die Erinnerungen noch intensiver wachrufen. Das Thema Freiheit gilt zwar für das ganze Fest, aber die ersten Tage von Pessach gelten hauptsächlich der ersten Erlösung, unserer Befreiung aus Ägypten vor 33 Jahrhunderten, während die letzten Tage auf die endgültige Erlösung anspielen, das künftige Zeitalter der Vollkommenheit, dessen Vorbote der Moschiach ist.
So tritt unser Bemühen, die Zeit zu transzendieren, in eine neue Phase: Die Erinnerung aufzufrischen, bis wir sie neu durchleben, ist das Eine; aber ein Ereignis real zu machen, das in der Zukunft liegt, vor allem wenn es einmalig ist und keine Parallele in der Geschichte hat, ist etwas ganz anderes.
Schabbat Schalom und Chag Sameach
Pessach ist als das „Fest unserer Freiheit“ bekannt. Nicht nur im Volksmund wird Pessach so genannt, sondern dieser Ausdruck prägt auch die Gebete für Pessach. Wir sind außerdem verpflichtet, den Auszug aus Ägypten nicht als etwas Vergangenes zu betrachten, sondern ihn an jedem Tag aufs Neue zu erleben.
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Wenn wir einen Einblick in die Erlebnisse unserer Vorväter, die sich vor Jahrtausenden ereigneten, gewinnen wollen, sind Geschichten sicherlich ein geeignetes Mittel dazu. Sie ermöglichen uns, einen lebendigen Eindruck von unserem spirituellen Erbe zu bekommen, der uns dazu inspiriert, auch unsere eigene Situation als Juden lebendiger zu gestalten.
Traditionell beenden wir den Pessach-Seder mit dem Wunsch: “nächstes Jahr in Jerusalem!“ Was, wenn man schon in Jerusalem lebt? Sagt man dann “dieses Jahr in Jerusalem!” oder lässt man es dann einfach weg?
Im jüdischen Kalender gibt es zwei Ausgangspunkte, einerseits den Monat Tischrei, mit Rosch Haschana, Beginn eines neuen Jahres, und andererseits den Monat Nissan, mit Pessach, als den ersten der Monate.
Vergangene Woche nahm ich an einem Lehrerweiterbildungskurs teil, um sich mit dem letzten Schrei moderner pädagogischer Erkenntnisse vertraut zu machen. Erst später wurde mir bewusst, dass mir hier eine ganz neue Perspektive zur „veralteten“ Haggada geboten wurde.
Das Gebot: »Ihr sollt zählen vom Tag nach dem Feiertag, vom Tag, an dem ihr das Omer der Wendung dargebracht habt, sieben volle Wochen.« (Levitikus/Wajikra 23:15)
