Lieber Leser,

Jaakow segnete seine Kinder auf dem Sterbebett, und Rembrandt, von dieser Szene gefesselt, bannte sie auf Leinwand. „Begrabt mich nicht in Ägypten“, bittet Jaakow. Und sie hören zu. „Begrabt mich bei meinen Eltern.“ Sie hören zu. „Ich erzähle euch vom Ende aller Tage.“ Sie lauschen, aber er sagt nichts mehr. „Ich segne euch.“ Sie hören zu, und wir tun es ihnen nach.

Der Baal Schem Tow war fünf Jahre alt, als sein Vater und seine Mutter kurz hintereinander starben. „Fürchte niemanden außer dem Allm-chtigen“, sagte sein Vater zu ihm und hinterließ ihm ein Vermächtnis der Liebe, das der Sohn an viele Menschen weitergab.

Dies ist die Moral der Parascha von Jaakows und Josefs Tod, die seltsamerweise Wajechi heißt, „Leben“. Aber so seltsam ist das gar nicht.

Der Tod ist ein Fenster in eine Welt, die Lebende nicht sehen können. Er ist ein Fenster zur Seele des Sterbenden, das uns mit Aufrichtigkeit blendet. Warum sonst legen wir auf dem Sterbebett Geständnisse ab und ehren die Wünsche des Sterbenden? Angesichts des Endes spielen wir kein Theater mehr.

Der Tod ist ein Augenblick der Wahrheit, den nur die harte Realität der Trennung heraufbeschwören kann. Dieser Moment verbindet Menschen und Welten. Der Tod ist die endgültige Trennung. Wer „hinübergeht“, verlässt uns. Das führt uns zusammen. Wenn jemand stirbt, sind die Menschen am wahrhaftigsten, am lebendigsten, sowohl der Sterbende als auch die Hinterbliebenen. Plötzlich fallen Masken. Das ist oft schmerzlich, aber letzten Endes tröstlich. Der Vater stirbt, und auf einmal ist der 60-jährige Sohn kein Kind mehr, sondern eine verwirrte Waise, plötzlich erwachsen. Und in dieser Leere, in diesem lebendigsten Augenblick, wird ein Glied in der Kette geschmiedet.

Dieser Prozess erschöpft uns. Darum endet die Parascha mit „Chasak, Chasak wenisChasek“: Seid stark, seid stark und werdet gestärkt.

Schabbat Schalom