Es passiert.
Wir machen Fehler.
Wir sind unachtsam, oder rücksichtslos, oder wir überreagieren.
Die meiste Zeit haben wir Glück.
Wir erholen uns von dem Fehler. Es ist wenig Schaden entstanden. Die Menschen sind verständnisvoll, der Schaden ist leicht zu beheben. Man vergibt uns, wir vergeben uns selbst und machen weiter.
Aber manchmal hat unser Fehler verheerende Folgen. In einem einzigen Moment der Unachtsamkeit werden Leben erschüttert. Der Schaden ist unumkehrbar. Beziehungen werden zerstört, der Ruf ist unwiederbringlich ruiniert.
In der Parascha dieser Woche geht es um einen dieser Fehler.
Die Kommentatoren der Tora haben seit jeher darüber gerätselt. Wie konnte das passieren? Wie konnten die Juden nur wenige Wochen nach dem Auszug aus Ägypten und dem Erhalt der Tora ein Kalb aus Gold formen und es dann anbeten? Es ist unfassbar.
Ihre Sünde war katastrophal. Wir büßen bis zum heutigen Tag für sie. Unsere Weisen sagen, dass die Sünde des Goldenen Kalbs die Quelle aller anderen Sünden ist, und wann immer wir eine Sünde sühnen, beinhaltet diese Sühne eine gewisse Buße für die Sünde des Goldenen Kalbs.1
Der Name des Tora-Teils dieser Woche, Ki Tisa, deutet alles andere als einen epischen Untergang an. Ki Tisa bedeutet wörtlich „wenn du dich erheben wirst“. Er bezieht sich auf eine Zählung des jüdischen Volkes, bei der jeder Jude einen halben Schekel spendete, der als „Sühne für die Seele“ diente.2
Wie spiegelt der Name der Parascha, der eine Erhebung bedeutet, den Inhalt, eines der traurigsten Kapitel der jüdischen Geschichte, wider?
Die klassische Erklärung nach chassidischem Gedankengut ist, dass die Sünde des Goldenen Kalbs ein „Abstieg war, der letztendlich einen Aufstieg bewirkte.“ Je größer der Abstieg, desto mehr innere Kraft müssen wir aufbringen, um ihn zu überwinden. Vor der Sünde befand sich das jüdische Volk auf der Ebene der perfekten Zadikim, der rechtschaffenen Menschen. Nach der Sünde erlangten sie den Status von Ba-alej Teschuwa, Büßern, die in gewisser Hinsicht sogar noch größer sind als Zadikim.
Aber das ist noch nicht alles.
Als Menschen sind wir sehr gut im Rationalisieren. Wir sind schnell dabei, Rechtfertigungen dafür zu finden, wie und warum wir uns geirrt haben. Eine Möglichkeit, die Sünde zu vermeiden, besteht darin, die Rationalität völlig zu überwinden. Wir greifen auf einen Teil von uns zu, der jenseits des Verstehens liegt, einen Teil, der G-tt als unser ureigenstes Wesen anerkennt - mit anderen Worten, die Kraft des Glaubens. Von diesem Standpunkt aus ist Sünde nicht nur lächerlich, sondern unmöglich; wie könnten wir uns von unserer eigenen Identität abschneiden? Wie der Tanja erklärt:
Selbst die Wertlosesten der Wertlosen und die Übertreter Israels opfern in den meisten Fällen ihr Leben für die Heiligkeit von G-tts Namen und erleiden eher harte Folter, als dass sie den einen G-tt verleugnen, auch wenn sie Flegel und Analphabeten sind und nichts von G-tts Größe wissen... Sie geben ihr Leben nicht auf, weil sie G-tt kennen und über ihn kontemplieren. Vielmehr [erleiden sie den Märtyrertod] ohne jegliches Wissen und Nachdenken, sondern als ob es absolut unmöglich wäre, dem einen G-tt zu entsagen, und ohne jeden Grund und ohne jegliches Zögern.3
Aber die Erhebung in der Parascha dieser Woche bezieht sich auf mehr als nur das Anzapfen eines Punktes über der Vernunft. Der Eröffnungsvers lautet „Ki Tisa et Rosch“-„Wenn du den Kopf erhebst.“ Es reicht nicht aus, die Rationalität zu überwinden. Wir müssen auch das Überrationale in den Intellekt selbst hineinziehen - damit auch der Verstand die Schwere der Sünde versteht, damit Verstand und Seele in vollkommener Übereinstimmung sind.
Heute mag der Gedanke an die Anbetung tatsächlicher Götzen weit entfernt erscheinen. Aber auch wenn wir keine Götzen aus Holz und Stein anbeten, so gibt es doch andere Leidenschaften, die der Götzenanbetung gleichgestellt werden können, wie zum Beispiel der Zorn.4 Auf subtile Weise ist auch ein G-ttesdienst, der dem Niveau der Person nicht angemessen ist, Awoda Sara, „seltsame Anbetung“5 Ein Gelehrter der Tora zum Beispiel, der nach dem Buchstaben des Gesetzes handelt, obwohl es seinem Stand angemessener wäre, über den Buchstaben des Gesetzes hinaus zu handeln, könnte sich der „Entweihung des Namens G-ttes“ schuldig machen.6
Können wir unseren Verstand trainieren, die Sünde zu verneinen? Der Weg zur Verschmelzung von Glaube und Verstand führt über das Studium der Tora. Das Konzept des Goldenen Kalbs stammt eigentlich aus einer sehr hohen Quelle - dem Bild des Ochsen im himmlischen Wagen, wie es in der Vision von Esekiel dargestellt wird.7 Den „Kopf zu erheben“ bedeutet in diesem Zusammenhang, sich mit dem Thema Awoda Sara, der Götzenanbetung, zu befassen, wie es in den Quellen der Tora erklärt wird, was auf natürliche Weise seine Macht über uns brechen und seine Anziehungskraft verringern wird.
Aber was passiert, wenn wir bereits gesündigt haben? Unser Lernen war nicht genug, um uns zu schützen. Wir müssen den Schaden reparieren. Und dazu brauchen wir die Kraft des Glaubens und die Kraft der Barmherzigkeit, die über den Intellekt hinausgehen. Sobald wir dieses Reservoir an innerer Stärke freigelegt haben, gehen wir systematisch vor, um das verlorene Vertrauen und die zerstörten Beziehungen wiederherzustellen - geleitet von der Weisheit und Tiefe der Tora.
Aus einem Loch herauszukommen, das wir gegraben haben, ist ein schwieriges Werk. Und wir können es nicht allein tun. Wir brauchen die Hilfe von mitfühlenden Menschen, die an uns glauben, unabhängig davon, was wir getan haben. Unsere Vorväter in der Wüste hatten das Glück, in ihrem Leiter Mosche einen solchen Menschen zu haben. Er hat sein Volk nie aufgegeben. Selbst nachdem sie ihm das Herz gebrochen hatten, indem sie das Goldene Kalb anbeteten, hörte Mosche nicht auf, G-tt um Verzeihung anzuflehen. Er ging sogar so weit zu sagen: „Und wenn nicht, so tilge mich aus diesem Buch.“8 Und sein Flehen hatte Erfolg. Nach 40 aufeinanderfolgenden Tagen des Gebets stieg Mosche erneut in die Höhe und brachte eine zweite Reihe von Tafeln herab, die alle Eigenschaften der ersten hatten, plus eine neue, zusätzliche Eigenschaft - die Kraft der Teschuwa, der Reue.
Näher an der Neuzeit haben wir das Beispiel von Rabbi Levi Isaak von Berditschew, dem bekannten Verteidiger des jüdischen Volkes, der es immer schaffte, jeden jüdischen Fehler in ein positives Licht zu rücken. Berühmt ist seine Umdeutung des Satzes bei Jesaja, „ein Volk, das schwer von Sünde ist“9 in „ein Volk, dem es schwerfällt zu sündigen“. Er war in der Lage, die Kraft seiner Tora-Kenntnisse sowie seine Klugheit und sein warmes Herz zu nutzen, um die wahre, spirituelle Wurzel jedes negativen Verhaltens zu finden.
Wenn Sie oder ein geliebter Mensch mit den Folgen eines lebensverändernden Fehlers zu kämpfen haben, sollten Sie sich Mut machen. Die einleitenden Worte der Paraschat Ki Tisa gehen der Erwähnung der Sünde voraus. Noch bevor die Sünde begangen wurde, war die Macht, sie zu korrigieren, sie vollständig auszulöschen und sogar an ihr zu wachsen, bereits vorhanden. Wenn die Sünde des Goldenen Kalbes, die schwerste Sünde von allen, zu einer Erhöhung führen kann, dann ist nichts außerhalb unserer Reichweite.
(Basierend auf einer Ansprache des Lubavitcher Rebbe, Sefer Hasichot 5751, Bd. 1, S. 363-373.)
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