Wie viele Juden kamen nach Ägypten?

Zum Zeitpunkt des Exodus gab es in der jungen Nation 600.000 Männer im wehrfähigen Alter (und nach allen Schätzungen insgesamt einige Millionen Menschen). Aber die Zahl derer, die ursprünglich in den Tagen Josef nach Ägypten kamen, betrug laut der Aussage der Tora nur „siebzig Seelen“. Wenn man jedoch den Text genauer betrachtet, kommen Jakob und seine Söhne und ihre Kinder – selbst wenn man Josef und seine Söhne mitzählt, die bereits in Ägypten waren – nur auf insgesamt neunundsechzig. Die Kommentare bieten eine Reihe von Erklärungen. Einige sagen, dass die Tora die Zahl einfach auf die nächsten zehn aufrundet. Eine andere Erklärung lautet, dass die siebzigste Person Jochewed ist, die geboren wurde, als Jakobs Familie nach Ägypten kam. Und Jakob selbst wird als Nummer siebzig gezählt.

Für mich ist jedoch die bewegendste Erklärung die aus dem Midrasch:

Was tat der Heilige, gesegnet sei Er? Er selbst wurde mitgezählt, sodass die Gesamtzahl siebzig ergab, um sein Versprechen zu erfüllen, das er Jakob zuvor gegeben hatte (Genesis 46, 3-4): „Fürchte dich nicht, nach Ägypten hinabzuziehen, denn ich werde dich dort zu einem großen Volk machen. Ich werde mit dir nach Ägypten hinabziehen und ich werde dich auch sicher wieder hinaufbringen ...”

Wie inspirierend! Wie großartig und ermutigend. G‑tt ist mit uns in Ägypten. Inmitten der Knechtschaft, des Schmerzes und der Verfolgung ist Er mit uns. Und in all unseren Wanderungen und Zerstreuungen ist Er da. Wie Er uns in Psalm 91 versichert: „Ich bin mit ihm in seiner Not.“ In all unserer Angst, in all unseren „Zarot“ ist Er direkt bei uns!

Es war diese Überzeugung, dass die unsichtbare, aber spürbare g-ttliche Gegenwart in der Galut und in den Ghettos bei uns ist, die unser Volk während einer qualvollen Geschichte aufrecht gehalten hat. Dies war das Versprechen, das uns mit einer unerschöpflichen Quelle des Glaubens, des Mutes und der Kraft inspirierte, unsere Feinde zu überleben und lange nach ihrem Verschwinden wieder zu gedeihen.

Viele fragen weiterhin: „Wo war G‑tt während des Holocaust?“ Ich könnte niemals versuchen, diese Frage mit einem verbitterten Überlebenden zu diskutieren, der seinen Glauben verloren hat. Und wer sind wir, dass wir diese heiligen, gequälten Seelen kritisieren? Aber mein Vater und viele wie er haben mit ungebrochenem Glauben überlebt. Wie haben sie trotz ihres Leidens ihren Glauben bewahrt? Eine Antwort, die sie geben könnten, lautet: „Wie habe ich überlebt? Verstehen Sie, wie viele Wunder nötig waren, um mich aus Polen herauszuholen? Oder aus den Lagern? Und wie war es mit der Flucht aus Litauen, Russland, Japan oder Shanghai? Wie könnte ich die Hand G‑tt's leugnen, die mich immer wieder aus der Gefahr gerettet hat?

Das größte Wunder unserer Generation ist sicherlich, dass die Juden nach Auschwitz immer noch Juden sein wollten. Dass unser Volk sich wieder erholt und seine Familien, seine Gemeinden und seine Heimat wieder aufgebaut hat. Für viele war die Gewissheit, dass eine höhere Macht sie zum Überleben geführt hat, das, was sie in ihren dunkelsten Momenten aufrecht gehalten und ihnen das Selbstvertrauen gegeben hat, sich neu zu formieren und wieder aufzuerstehen.

Bald werden wir das Fasten von Tevet 10 begehen, das an die Belagerung Jerusalems durch die Babylonier erinnert. Wer hat also zuletzt gelacht? Kennen Sie irgendwelche Enkelkinder von Nebukadnezar, dem König von Babylon? (Saddam Hussein gehört nicht dazu.) Von seinem mächtigen Reich sind nur noch ein paar Statuen übrig. Alle unsere Feinde, bis hin zum Dritten Reich, sind gekommen und gegangen. Die Juden sind noch da, lebendig und wohlauf, und tun auch 2.500 Jahre später noch ihr Ding.

G‑tt’s Verheißung an Jakob, dass „ich mit dir hinabziehen werde”, hat uns am Leben erhalten. Und der Schluss des Verses versichert uns allen ein glückliches Ende. „Und ich werde dich auch wieder hinaufbringen” – aus Ägypten und aus unserem eigenen Exil. Möge dies in unserer Zeit schnell geschehen.