Acharon schel Pessach
Lieber Leser,
wahre Freiheit ist Freiheit von Begrenzungen – äußerlich und innerlich; materiell, psychisch und spirituell. Mizrajim, das hebräische Wort für „Ägypten“, bedeutet „Grenzen“ und „Einschränkungen“. Jeziat Mizrajim („Auszug aus Ägypten“) ist das Bestreben, Grenzen zu überschreiten und sich über alles zu erheben, was die Seele des Menschen hemmt.
Einer der Faktoren, der uns Menschen am stärksten einengt, ist die Zeit. Die Zeit trägt die Vergangenheit fort und verbirgt die Zukunft. Sie begrenzt unser Leben auf einen dahinsausenden Punkt, den wir „Gegenwart“ nennen.
Aber am ersten Pessach-Abend brechen wir die Fesseln der Zeit, denn wir haben die Aufgabe, den Exodus so zu erleben, als wären wir selbst Flüchtlinge aus Ägypten.
Wir denken an den Exodus, fassen ihn mit den Texten der Haggada in Worte, verdauen ihn in Form von Mazzot und Maror. Wenn wir die Jahrhunderte an uns vorbeiziehen lassen, wird die Erinnerung – dieser vage Rest der Vergangenheit, der meist unsere einzige Antwort auf die Tyrannei der Zeit ist – zur Erfahrung, und die Geschichte wird gegenwärtig und real.
Chag Sameach und Schabbat Schalom
Kaum hatte die überhastete Flucht aus Ägypten am 15. Nissan 2448 (1312 vZ.) begonnen, geriet das jüdische Volk – Männer, Frauen und Kinder – in eine lebensbedrohende Falle.
Am Pessachabend, während des Seders, sind wir einer ganzen Reihe Formen, Symbolen, komplizierten Ritualen und Gebräuchen sowie verschiedener Abschnitte jüdischer geschichte ausgesetzt.
Wir alle bewohnen zwei Welten - Welten, die oft soweit voneinander entfernt liegen, wie zwei Welten es nur sein können.
Unseren Weisen zufolge wurde das jüdische Volk dank seiner drei Privilegien aus Ägypten erlöst: dem Glauben (an die Erlösung), dem Pessachblut (der Darbringung des Pessachopfers) und der Beschneidung. Diese drei Mitzwot sind eng miteinander verbunden.
Es war der Brauch des Baal Schem Tov, am letzten Tag von Pessach drei Mahlzeiten abzuhalten. Die dritte Mahlzeit, welche am späten Nachmittag stattfand, wurde bekannt als „Festmahl des Maschiach“ oder „Maschiachs Seuda“, denn an diesem Tag ist der Glanz von Maschiach offen aufgedeckt.
Der siebte Tag von Pessach ist kein eigenes Fest wie Schmini Azeret, der letzte Tag von Sukkot. Er bildet den Abschluss von Pessach, und darum lassen wir den Segen Schehechejanu weg, wenn wir den Kiddusch sprechen oder Kerzen anzünden.
Das Gebot: »Ihr sollt zählen vom Tag nach dem Feiertag, vom Tag, an dem ihr das Omer der Wendung dargebracht habt, sieben volle Wochen.« (Levitikus/Wajikra 23:15)