Wajigasch
Lieber Leser,
in den einführenden Worten zur Sidra Wajeschew, vor zwei Wochen, haben wir Josef in unseren Gedanken bis ins Gefängnis begleitet. Schließlich jedoch gingen die Jahre seiner Knechtschaft zu Ende. Durch seine Fähigkeit, Träume richtig zu deuten, wurde Pharaos Augenmerk auf ihn gerichtet, und danach wurde er zum Vizekönig und eigentlichen Herrscher über Ägypten ernannt. In der dieswöchigen Sidra finden wir den Höhepunkt der allgemein bekannten Geschichte von Josef und seinen Brüdern.
Josef rettete nicht nur seinen Vater, seine Brüder und ihre Familien vor der Hungersnot, sondern auch ganz Ägypten und die umliegenden Länder. Als er seinen Brüdern schließlich seine Identität enthüllte, offenbarte er ihnen gleichzeitig den Schlüssel zu dem gewaltigen, mysteriösen Drama seines Lebens. Er ermahnte sie, sie sollten nicht betrübt sein ob all des Leidens, das er durchgemacht hatte, "denn G-tt hat mich als euren Nahrungsbeschaffer gesandt" (Gen. 45, 5).
In diesen Worten ist eine tiefgründige Botschaft für die ganze Menschheit und spezifisch für die Juden enthalten. Die ganze Episode von Josef kann als eine Erklärung und Antwort für das Geheimnis unseres Lebens auf dieser Erde dienen.
Die Seele des Menschen, in der das eigentliche Wesen und der Kern seiner Existenz verankert liegen, ist der "Josef" in ihm. Diese Seele (Neschama), die ein Teil G-ttes selbst ist, wird aus ihrem himmlischen Wohnsitz herausgerissen, aus ihres "Vaters Haus" im "Heiligen Lande" herausgehend und hinunter in die materielle Welt gebracht, zu ihrem "Ägypten", wo sie im Körper gefangen gehalten wird.
Der Zweck dieses "Exils" ist nicht, die Seele zu quälen. Die Neschama ist vielmehr hinuntergeschickt worden, um ein "Josef" zu sein; und es gereicht ihr zur Ehre, dass sie stets dem ethischen Kodex ihres Vaters Hauses im "Heiligen Lande" treugesinnt bleibt. Niemals darf sie den Versuchungen ihrer materiellen Umgebung nachgeben, noch in der Versklavung verzweifeln, sondern sie muss ihrer Sendung eingedenk bleiben - nämlich dass sie "über Ägypten regieren" muss und "Nahrungsbeschaffer" (Nahrung als Torabelehrung) für sich selbst ist und für alle, mit denen sie zu tun hat oder in Kontakt kommt.
Schabbat Schalom
Kennen Sie den Witz vom Rabbi, der eines seiner Gemeindemitglieder im Gefängnis besucht? Der Rabbi sagt zu dem Mörder: „Ich kenne dich, seit du ein Kind warst, und ich verstehe nicht, wie du ein Gebot übertreten konntest!“
Nachdem Josef sich seinen Brüdern offenbart hatte, brachte er seine Familie nach Ägypten, wo er sie für die nächsten fünf Hungersjahre ernährte. Diese Wohltat Josefs ist von so großer Bedeutung, da ihretwegen das ganze jüdische Volk den Namen „Josef“ trägt.
Die Tora sagte uns, dass, als Jakob mit seiner Familie nach Ägypten zog, wo das jüdische Volk für über zwei Jahrhunderte blieb, „sandte er Jehuda voraus … um den Weg zu zeigen.“
In der dieswöchigen Sidra wird erzählt, wie Josef sich seinen Brüdern zu erkennen gab und so sich mit ihnen wieder vereinte (Genesis 45, 3).
Zum Vers "und es näherte sich ihm Jehuda" sagen unsere Meister seligen Angedenkens, dass Jehuda bei diesem Herantreten zu Josef zu allem bereit war - auch zum Krieg (Bereschit Rabba 93:6).