Ki Teze
Lieber Leser,
am Ende der dieswöchigen Sidra Ki Teze schreibt die Tora uns genaue Maße und Gewichte vor. Unmittelbar auf diese Verse folgt das Gebot, des hinterlistigen Angriffes zu gedenken, den Amalek auf die Israeliten kurz nach ihrem Auszug aus Ägypten gemacht hat. In seiner Erklärung der Nebeneinanderstellung dieser beiden Vorschriften, die doch, beim ersten Hinblick, scheinbar nicht zusammengehören, gibt der große Tora-Erklärer Raschi dem jüdischen Volke einen guten Rat: "Hast du Maße und Gewicht gefälscht, dann fürchte dich vor (G-ttlicher Strafe in der Form von) feindlicher Herausforderung."
Nun fällt es zuerst einmal schwer, den Grund für eine derart harte Strafe für falsche Gewichte zu begreifen. "Falsche Maße" kann auch auf die Doppelnorm hinweisen, die manche als Maßstab an ihre Religion anlegen.
Wir alle geben zu, dass es eine bewundernswerte Charaktereigenschaft ist, wenn man mit seinem Lose zufrieden ist. Schon die Mischna sagt: "Wer ist reich? – Wer zufrieden ist mit dem, was er hat." Daher – so möchten wir urteilen – sollten wir mit dem zufrieden sein, was wir in unserem religiösen Leben erzielt haben. Wenn wir dreimal im Jahre zur Synagoge gehen – das genügt schon! Wenn unsere Kinder nur so viel Tora lernen, wie als ein Minimum für die Bar Mizwa verlangt wird – gut genug! Sollte eine jüdische Schule ihre Einrichtungen weiter ausbauen wollen, geraten wir schon außer Fassung, und ein alter Mann mag sagen: "Was heißt denn das? Daheim, als ich noch ein Kind war und zur Schule ging, da war dies eine Bretterbude; und sie war doch gut genug für uns!"
In materiellen Dingen dagegen, wo immer diese uns persönlich angehend handeln wir genau umgekehrt. Unnachsichtig treiben wir uns bis zum Äußersten an. Wir arbeiten acht Stunden pro Tag, oder zehn, zwölf, gar fünfzehn Stunden; und was immer wir verdienen, befriedigt uns noch nicht. Wie hoch wir auch immer unseren Lebensstandard und unsere gesellschaftliche Stellung treiben – es ist noch nicht genug.
Es ist dieser "falsche Maßstab", diese hässliche Doppelnorm, die G-tt erzürnt.
Schabbat Schalom
Wussten Sie schon? Dieses Magazin können Sie auch ausdrucken und vor Schabbat mit in die Synagoge nehmen. Dort können Sie es in der Pause in Ruhe lesen, mit ihren Freunden teilen oder zum Kiddusch etwas daraus vorlesen. Jetzt ausdrucken und später lernen.
In diesem Tora-Abschnitt sind 74 Gebote enthalten. Das sind mehr Gebote, als in allen anderen Tora-Abschnitten. Einige dieser Gebote sind: Das Gebot des rebellischen Sohnes, die Verpflichtung die Toten ohne übermäßige Verzögerung zu begraben, das Zurückgeben eines verlorenen Objektes, das Verbot lebenden Kreaturen Schmerzen zuzufügen, das Verbot der Prostitution, die Heirats- und Scheidungs-Gesetze, die Vorgehensweise der Lewiraten-Heirat, und die Verpflichtung, das Gedächtnis an Amalek auszumerzen.
„Die Gebote, welche G-tt Israel gebietet, erfüllt Er selbst (natürlich auf spirituelle Weise)“, lehren unsere Meister. Das heißt, die Wege der Thora sind auch die Wege G-ttes.
Es gibt erfreuliche Anzeichen dafür, dass die Menschen unserer Zeit Beziehungen, Verantwortung und Engagement besser zu verstehen beginnen.
Diese Woche finden wir in unserer Toralesung das Gebot, einen Zaun um das Dach eines Hauses zu machen. Gemeint sind damit natürlich nicht die spitzen alpinen Dächer, die wir hierzulande gewohnt sind.
Die berühmten Themen der Zehn Tage der Reue sind Tschuwa, Tefila und Zedaka. Es scheint, als hätten Juden kein Monopol auf diese Tugenden: Tschuwa bedeutet „Reue“, Tefila ist das „Gebet“, und Zedaka heißt „Güte“ oder „milde Gabe“.
Die chassidischen Meister erklären den Namen des Monats Elul als Akronym von „ani ledodi wedodi li“ – „Ich bin meines Geliebten und mein Geliebter ist mein“.
Es ist ein alter Brauch, im Monat Elul mehr Zeit für das Gebet und das Sprechen der Tehilim aufzubringen. Sogar gelehrte Juden, die sehr oft die Torah studieren, widmen dem Gebet und den Tehilim in diesen Tagen noch mehr Zeit.