Nachdem Shawn Achor, einer der Gurus der Positiven Psychologie, bei einem großen Technologieunternehmen einen Vortrag über Optimismus gehalten hatte, wurde er vom CEO zum Flughafen gefahren. Der CEO ignorierte das beharrliche und nervige Piepen des Warnsignals, das darauf hinwies, dass er seinen Sicherheitsgurt nicht angelegt hatte, lächelte Shawn an und erklärte, er sei einfach nur „optimistisch“.
„Optimismus ist für vieles gut“, dachte Shawn, „aber er wird weder verhindern, dass dieser CEO in einen Autounfall gerät, noch dass er durch die Windschutzscheibe geschleudert wird.“ Das ist kein Optimismus, sondern eine Form von Wahnsinn, auch bekannt als „irrationaler Optimismus“.
Im Wochenabschnitt Beschalach schickte der Pharao, nachdem das jüdische Volk Ägypten verlassen hatte, seine Streitmacht aus Streitwagenfahrern hinter ihnen her und drängte das jüdische Volk in die Enge: Ägypten im Rücken, die weite Wüste zu beiden Seiten und das Meer vor ihnen. Ohne ein neues Wunder stand dem jüdischen Volk ein unvermeidliches Massaker bevor.
Die Teilung des Meeres
Dem midraschischen Kommentar zufolge wollten sich einige Menschen ergeben und nach Ägypten zurückkehren. Einige waren bereit, Selbstmord zu begehen. Andere waren bereit, gegen die Ägypter zu kämpfen. Und wieder andere begannen zu beten. Mosche rief zu G‑tt, und G‑tt antwortete (im Wesentlichen): „Hört auf zu beten und zieht weiter. Tut etwas!“ In diesem Moment schritt der berühmte Nachschon ben Aminadav ins Meer, und als das Wasser seine Nasenlöcher erreichte, begann sich das Meer zu teilen. War er ein Optimist oder verrückt? Irrational oder besonnen?
In seinem Buch „Learned Optimism“ erklärt Martin Seligman, der Begründer der Positiven Psychologie, dass es zwei Arten gibt, das Leben zu betrachten: als Optimist und als Pessimist. Und er führt ein Beispiel an. Ein junges Paar bekommt sein erstes Baby. Der Vater schaut zu ihr in ihr Bettchen und ruft ihren Namen. Obwohl das Baby wach ist, reagiert es nicht. Der Vater nimmt ein Spielzeug mit einer Glocke in die Hand und schüttelt es. Keine Reaktion. Sein Herz beginnt schneller zu schlagen, und er ruft seine Frau herbei. Auch die Mutter konnte die Aufmerksamkeit des Babys mit lauten Geräuschen nicht erregen. „Mein G‑tt, sie ist taub“, folgert der Vater.
Die Mutter schlägt in einem Babyratgeber nach und liest, dass kein Grund zur Beunruhigung besteht, da es eine Weile dauert, bis sich der Schreck- und Hörreflex einstellt. Die Mutter ist beruhigt. Dennoch hinterlässt sie eine Sprachnachricht in der Praxis des Kinderarztes, um einen Termin zu vereinbaren, und verbringt ihr Wochenende wie gewohnt. Der Vater hingegen ist weiterhin völlig besorgt und grübelt darüber nach, dass er „ein ungutes Gefühl dabei“ habe.
Am Montag führt der Kinderarzt eine neurologische Untersuchung durch und stellt fest, dass das Baby vollkommen gesund ist. Der Vater glaubt den Untersuchungsergebnissen nicht und bleibt weiterhin niedergeschlagen und besorgt. Eine Woche später, als das Baby beim Geräusch eines zurückschlagenden Autos zusammenzuckte, begann der Vater, wieder Mut zu fassen, und konnte sich wieder an seinem Kind erfreuen.
Das sind die beiden grundlegenden Lebenseinstellungen. Der Pessimist „dramatisiert“ Ereignisse, betrachtet negative Situationen als langanhaltend, wenn nicht gar dauerhaft, und lässt zu, dass die Verstimmung alle Lebensbereiche durchdringt, wobei er sie persönlich nimmt. Der Optimist hingegen rechnet nicht mit einer Niederlage, aber wenn sie eintritt, sieht er sie als eine Herausforderung, die es zu überwinden gilt, beschränkt sie auf diese konkrete Situation und betrachtet die Ursache als etwas Äußeres.
OK, jetzt wird es ein bisschen chutzpadisch, aber ich glaube, es gibt noch einen weiteren Erklärungsstil, den ich „jüdischen Optimismus“ nenne – und da ich den Begriff präge, darf ich ihn auch definieren. „Jüdischer Optimismus“ greift die besten Aspekte des Optimismus auf, wie zum Beispiel, Ereignisse im günstigsten Licht zu betrachten und sich der Herausforderung mit einer „Ich kann das“- oder „Das ist machbar“-Einstellung zu stellen.
Was jedoch die Kausalität betrifft, würde der „jüdische Optimismus“ Ereignisse nicht als äußerlich und unpersönlich betrachten. Ganz im Gegenteil. Im „jüdischen Optimismus“ dreht sich alles „um mich“ (nämlich um mein spirituelles Wachstum). Und damit kommt die Eigenschaft des Glaubens ins Spiel – der Glaube, dass das Universum nicht darauf aus ist, „mich zu bestrafen“, sondern „mich zu lehren“.
Um auf die Szene am Ufer des Schilfmeeres zurückzukommen: Angesichts der Armee des Pharaos forderte derselbe G‑tt, der die Juden durch Sein g-ttliches Eingreifen befreit hatte, sie nun auf, zu gehen, „etwas zu tun.“ Und so schritt Nachschon, der jüdische Optimist, ruhig ins Meer und ebnete damit auch den Weg für den jüdischen Ausdruck des Glaubens.
Und das zeichnet das Judentum aus, denn das Judentum fordert ein vom Glauben geleitetes Verhalten und den Ausdruck des Glaubens durch bewusstes Handeln. Das Judentum lehrt, dass die Gewänder der Seele dazu da sind, unser Potenzial zu verwirklichen. Die Kunst besteht darin, zu wissen, wann der Fokus auf unseren Gedanken liegen muss, wann es um Sprache geht und wann er sich durch Handeln manifestieren muss.
Wenn du also das nächste Mal vor einer Herausforderung stehst, entscheide zunächst, ob fundierter Optimismus angebracht ist, und wenn ja, versuche, ein wenig Glauben hinzuzufügen. Sei dir bewusst, dass jede Prüfung, die du durchläufst, genau die Prüfung ist, die für dich bestimmt war – dass du sie bestehen kannst und dass du emotional stärker, intellektuell weiser und spirituell auf einer höheren Ebene daraus hervorgehen wirst. Werde ein jüdischer Optimist, und es ist nicht abzusehen, wie viele Meere du in deinem Leben teilen kannst.
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