Die Namen der Kinder und Enkelkinder Jakobs werden bei ihrer Ankunft in Ägypten aufgeführt. 1 Eine von ihnen ist Serach, die Tochter2 von Ascher. Im Midrasch wird Serach sehr ausführlich als eine mächtige, weise Frau beschrieben, die von den großen Weisen Israels um Rat gefragt wurde.
Wer war Serach? Wir führen einen Blick in die midraschischen Überlieferungen – und begeben uns sogar bis in den Iran –, um ein besseres Verständnis zu erlangen.
Josef lebt noch!
Die wohl bekannteste Geschichte über Serach ist wahrscheinlich diese:
Viele Jahre lang trauerte Jakob um seinen geliebten Sohn Josef, von dem er überzeugt war, dass er von wilden Tieren getötet worden war. Viele Jahre, nachdem Josef zuletzt von seiner Familie gesehen worden war, trafen seine Brüder ihn in Ägypten wieder, wo er an Macht gewonnen hatte und nun nach dem König der Zweite war. Josef bat seine Brüder, sich schnell nach Hause zu begeben und ihren betagten Vater nach Ägypten zu bringen; er schickte Wagen mit ihnen, um den Transport ihres Vaters und ihrer Familien zu erleichtern.
Die Brüder hatten Angst. Würde der Schock über die Nachricht, dass Josef noch am Leben war, für Jakob zu groß sein? Sie überlegten, wie sie es ihm behutsam beibringen könnten, und beschlossen, Jakobs Enkelin Serach zu bitten, es ihm so zu sagen, dass es keinen Schock auslösen würde.3
Midrasch ha-Gadol4 berichtet, dass Serach wartete, bis Jakob zu beten begann. Dann trat sie vor ihn hin und stellte ihm Fragen: „Ist Josef in Ägypten? Hatte er zwei Söhne, Manasse und Ephraim?“ Jakob hörte ihre Fragen, und als er die Wagen sah, die Josef geschickt hatte, begriff er, dass Josef am Leben war.
Jonatan ben Uziel schreibt in seiner Übersetzung der Tora5: „Weil Serach Jakob mitteilte, dass Josef am Leben war, gelangte sie in den Gan Eden (das Paradies), ohne zuvor sterben zu müssen.“
Sefer ha-Yashar6 erzählt diese Geschichte anschaulicher. Dort heißt es, dass Serach auf einer Harfe (und einem anderen Saiteninstrument) spielte und sang: „Josef lebt noch, und er ist König in Ägypten.“ Wegen ihrer behutsamen Art, die Nachricht zu überbringen, gab Jakob Serach den Segen, ewig zu leben.
Die Boten G‑tt’s erkennen
Das nächste Mal hören wir von Serach, als Mosche und Aharon den Israeliten verkünden, dass sie die Boten G‑tt’s sind, gesandt, um die Juden aus ihrer Knechtschaft in Ägypten zu befreien. Der Midrasch7 berichtet, dass die Ältesten der Kinder Israels nicht wussten, ob sie ihnen glauben sollten oder nicht. Sie wussten, dass Jakob Ascher das Geheimnis verraten hatte, wie man den Erlöser erkennt, und dass Ascher es an Serach weitergegeben hatte. Also gingen sie zu ihr, um ihre Meinung einzuholen. Sie war nicht beeindruckt, als sie von den Wundern hörte, die Mosche vollbracht hatte, doch als sie die Worte zitierten, die G-tt Mosche aufgetragen hatte, den Juden zu sagen: „Ich habe an euch gedacht“, sagte sie: „Er ist der wahre Retter! Ich habe von meinem Vater gelernt, dass der Bote, der kommt, um die Israeliten vor den Ägyptern zu retten, genau diese Worte verwenden wird.“
Wo wurde Josef begraben?
Ein weiteres Geheimnis, das Serach kannte, war, wo sich Josefs Sarg befand. Bevor Josef starb, ließ er seine Brüder schwören, dass sie, wenn sie Ägypten verließen, seinen Sarg mitnehmen und ihn ins Gelobte Land zurückbringen würden. Als es Zeit war, Ägypten zu verlassen, suchte Mosche nach Josefs Sarg, konnte ihn aber nicht finden. Die Juden konnten Ägypten nicht ohne den Sarg verlassen!
Serach gehörte zu den wenigen Menschen, die noch am Leben waren, als Josef begraben wurde. Mosche ging zu ihr und fragte: „Weißt du nicht, wo Josef begraben ist?“
Sie antwortete: „Die Ägypter legten ihn in einen Metallsarg und versenkten diesen im Nil, damit dessen Wasser durch den Kontakt mit seinem Körper gesegnet würde.“8
Mit Serachs Hilfe gelang es Mosche, das uralte Versprechen zu erfüllen, und er nahm Josefs Sarg mit, als das jüdische Volk Ägypten verließ.
Serachs langes Leben
Serach lebte ein sehr, sehr langes Leben. Das erste Mal wird Serach in der Tora erwähnt, als Jakob nach Ägypten hinabzog, und das zweite Mal kurz bevor die Israeliten das Land Israel betraten – eine Zeitspanne von 250 Jahren. Raschi merkt an, dass sie in den letztgenannten Versen erwähnt wird, um auf die ungewöhnliche Länge ihres Lebens hinzuweisen. 9
Eine weitere Geschichte über Serach ereignete sich viele Jahre, nachdem die Israeliten das Land Israel betreten hatten. Als König David über Israel herrschte, sprach ein Mann namens Schewa ben Bichri schlecht über ihn und stachelte eine Rebellion an. Er wurde von König Davids Armee verfolgt, bis er eine Stadt namens Avel-Beit-Maacha erreichte. Joab ben Zeruja, der Befehlshaber der Armee, belagerte die Stadt und versuchte, die Mauern zu durchbrechen. Doch eine weise Frau überzeugte ihn davon, nicht die ganze Stadt allein wegen Schewa ben Bichri zu zerstören. Am Ende wurde der Rebell getötet, und es herrschte wieder Frieden.10
Wer war die weise Frau? Der Midrasch11 sagt, es sei Serach, die Tochter Ashers, gewesen. Im Laufe ihres Gesprächs mit Joab sagte sie: „Ich bin diejenige, die die Gläubigen Israels vervollständigt.“ Dies ist eine Anspielung darauf, dass Serach diejenige war, die die Quote der Juden, die mit Jakob nach Ägypten hinabzogen, „auffüllte“, da sie die 70. Person in der Zählung war.12
Eine weitere faszinierende Geschichte über Serach wird im Midrasch erzählt:13 Einmal studierten Tora-Gelehrte den Bericht über den Auszug aus Ägypten. Rabbi Jochanan (ein talmudischer Weiser des dritten Jahrhunderts) las den Satz: „Die Wasser [des Roten Meeres] wurden zu einer Mauer zu ihrer Rechten und zu ihrer Linken.“ Er erklärte, dies bedeute, dass die Wasser gut verschlossene Mauern bildeten. Der Midrasch fährt fort und berichtet, dass Serach, die Tochter von Ascher, als Antwort auf Rabbi Jochanan sagte: „Ich war dabei, und die Mauern waren durchsichtig und ließen Licht durch [wie Glas].“
Der „Serach-Friedhof“ im Iran
Persische Juden nennen den jüdischen Friedhof von Isfahan im Iran „Serachs Friedhof“. Eines der Gräber dort gilt als das von Serach (obwohl einige der oben gelesenen midraschischen Quellen besagen, dass Serach lebend in den Garten Eden eingegangen sei).
Serach wird auch im Zusammenhang mit einigen einzigartigen Bräuchen erwähnt. Beispielsweise haben einige Gemeinden die Tradition, während der Havdala zu sagen: „Der Name der Tochter von Ascher ist Serach.“ Es gibt weitere Traditionen rund um Serach, wie etwa das Anrufen ihres Namens, um eine sichere Reise zu gewährleisten oder Schutz vor Menschen zu erlangen, die anderen Böses wünschen. 14
Serach ist zweifellos eine faszinierende Persönlichkeit, die uns mit ihrer Weisheit und Rechtschaffenheit inspiriert.
[Der Autor führte seine Recherchen mit dem Artikel von Shoshanah Ganan-Rosenbach durch: „Serach, die Tochter von Ascher – Beschreibungen in der Tora und der mündlichen Überlieferung.“]
Diskutieren Sie mit