In der Parascha dieser Woche heißt es in der Tora: „Ihr sollt vor G‑tt und vor Israel schuldlos sein“ (4. Mose 32,22). Daraus lernen wir, dass bei der Verwaltung öffentlicher Gelder stets mindestens zwei Personen gemeinsam als Treuhänder fungieren sollten. Das lernen wir auch von Mosche. Mosche war der vertraute Diener G‑ttes selbst, von dem die Tora berichtet, dass nach seinem Tod niemand jemals seine Nähe zu G‑tt erreicht habe. Dennoch sagt uns die Tora, dass die Abrechnung der für das Heiligtum gespendeten Materialien „durch die Hand Itamars, des Sohnes Aharons“, erfolgte. Mosche genoss zweifellos das Vertrauen G‑ttes. Dennoch hatte er bei der Abrechnung jemanden an seiner Seite. Die Tora lehrt uns, dem zufälligen Beobachter keinen Anlass zum Verdacht zu geben.

Das sehen wir auch im jüdischen Gesetz. Das Gesetz besagt, dass die Priester, wenn sie das für den Tempel gespendete Geld transportierten, weder einen Mantel mit Saum noch irgendetwas tragen durften, in dem Geld versteckt werden konnte, um jeglichen Verdacht – wie falsch er auch sein mochte – zu vermeiden, der dadurch geweckt werden könnte. Uns wird gesagt, dass wir vor unseren Mitmenschen und vor G‑tt frei von Schuld und Verdacht sein sollen, wie wir zuvor zitiert haben: „… sei schuldlos gegenüber G‑tt und gegenüber Israel.“

Wie bei vielen in der Tora diskutierten Ideen mag unsere erste Reaktion durchaus lauten: „Das ist doch ganz offensichtlich.“ Doch wie oft bringen wir uns selbst oder andere in eine Situation, die für Fehlinterpretationen oder falschen Verdacht anfällig ist? Aus der Tora geht hervor, dass wir stets darauf achten müssen, keine Situation zu schaffen, in der es auch nur den Anschein erweckt, als würden wir etwas Falsches tun. Noch wichtiger ist es, darauf zu achten, andere nicht in eine solche Situation zu bringen – zum Wohle aller.

Einmal wurde die Frage gestellt: „Was ist wichtiger – die Gebote der Tora oder ethische Grundsätze?“ Das ist eine gut gemeinte, aber fehlgeleitete Frage. Die Gebote der Tora umfassen ethische und moralische Praktiken, sei es in unserem Geschäftsleben, unserem Privatleben oder unseren täglichen Beziehungen zu anderen. In der Tora geht es ebenso sehr um unsere Beziehung „zwischen Mensch und Mensch“ wie um die „zwischen Mensch und G‑tt“, und die vollkommene Erfüllung der Tora erfordert, dass wir uns auf beides konzentrieren. Wie lautet also die Antwort auf die Frage? Das eine ist im anderen enthalten. Die Einhaltung der Tora muss ethisches und moralisches Verhalten einschließen. Tatsächlich befassen sich große Teile des jüdischen Rechts mit fairem Handeln, Zivilrecht, Verleumdung und übler Nachrede, Verträgen, Versprechen und vielem mehr. Die Tora ist unser Leitfaden nicht nur in „spirituellen“ und „g-ttlichen“ Angelegenheiten, sondern auch in weltlichen, alltäglichen Belangen. Gerade in unserem alltäglichen, materiellen Leben sind wir in der Lage, unser Umfeld durch die Einhaltung der Ethik von Sinai zu erheben.