Lieber Leser,

wirklich religiöse Menschen sind oft belustigt oder verwirrt, wenn sie sehen, wie sie in den Unterhaltungsmedien dargestellt werden. Es ist ein nützliches Klischee, Fromme als äußerst empfindsame Leute vorzuführen, die entsetzt über die unangenehmen Seiten des Lebens sind. Sie krümmen sich, wenn sie etwas Profanes hören, schließen die Augen vor der Sünde und laufen vor der Gewalt weg.

Aber diese zweidimensionalen Figuren sind keine religiösen Menschen aus Fleisch und Blut. Denn die Lektüre der Tora härtet uns sogar ab, so dass wir allem gewachsen sind, was in dieser Welt geschieht.

Im Wochenabschnitt Tezawe geht es nicht um Sünde und Gewalt, sondern hauptsächlich um die Kleidung, welche die Priester im Heiligtum tragen sollten, und um die Opferung auf dem Altar. Aber das Letztere ist nichts für schwache Gemüter! Dort geht es nämlich ums Schlachten und um den Umgang mit Blut und Körperteilen. Das ist nicht weniger schockierend als die Gruselfilme im Kino.

Zudem verschließt die Tora nicht die Augen vor dem Bösen und anderen erschreckenden Aspekten des Lebens auf der materiellen Ebene. Wer die Schrift liest, wird also nicht zur zarten Blume, die in Ohnmacht fällt, wenn sie ein unfeines Wort hört.

Gerade derjenige, der diese düsteren Aspekte kennen lernt und versteht, kann zum Heiligen werden. Wie könnten wir rechtschaffen sein, wenn wir nicht wüssten, dass wir die Wahl zwischen gut und böse haben und uns bewusst entscheiden müssen? Wie könnten wir Entscheidungen treffen, ohne das Gute und das Böse zu sehen?

Schabbat Schalom