Zu den zahlreichen Schlachten, die in der Tora beschrieben werden, gehört auch der Krieg der Israeliten gegen das Volk der Midianiter. Im 31. Kapitel des Buches Numeri lesen wir, wie G‑tt Mosche anwies, die Midianiter anzugreifen. Die Tora beschreibt anschließend, wie Mosche das Volk zu einer Armee aufstellte, und liefert zahlreiche Einzelheiten über die Schlacht und ihre Folgen.
Es gibt zwei Sichtweisen darauf.
Die erste ist die wörtliche historische Tatsache. Um zu überleben, musste das jüdische Volk gegen eine Vielzahl von Kräften kämpfen. Die Midianiter strebten die Vernichtung der Juden an, daher mussten Maßnahmen gegen sie ergriffen werden. Die Tora berichtet uns dies, weil wir zu unterschiedlichen Zeiten auf unterschiedliche Weise mit ähnlichen Kämpfen konfrontiert sind. Manchmal sind es militärische Kämpfe, manchmal kulturelle.
Die zweite Art, dieses Ereignis zu verstehen, erfolgt auf einer inneren Ebene. Die feindlichen Völker, denen die Juden auf den Seiten der Tora begegnen, stehen für negative Kräfte im eigenen Inneren. Die ständigen Kämpfe der Juden symbolisieren den ständigen Kampf des Einzelnen gegen innere negative Eigenschaften.
Midian bezieht sich, wie uns die Weisen lehren, auf das Wort madon, was „Streit“ bedeutet. Diese negative Eigenschaft drückt sich in feindseliger Abneigung gegenüber anderen aus. Man hat das Gefühl, der andere dringe in das eigene Territorium ein. Allein seine Existenz ist irritierend. Dies ist die Eigenschaft des „grundlosen Hasses“, der, so sagt der Talmud, die Zerstörung des Tempels herbeiführte. Rabbi Schalom Dowber, der fünfte Lubawitscher Rebbe (1860–1920), erörtert den Kampf gegen Midian als einen inneren Kampf gegen den eigenen Egoismus und die Ablehnung anderer. 1
Ein zentraler Aspekt des Kampfes ist die Tatsache, dass G‑tt Mosche selbst sagt, er solle sich persönlich engagieren. Jeder von uns trägt die Eigenschaft des „Mosche“ in sich. Dieser innere Mosche steht für die Kraft der Selbstlosigkeit: das genaue Gegenteil von Selbstsucht und Egozentrik, die uns dazu bringen, andere abzulehnen.
Jeder von uns hat das innere Potenzial, über sich selbst hinauszuwachsen. Dies drückt sich in heldenhaften Taten aus, aber auch in Momenten intensiver Hingabe. Eine Gruppe von Menschen, die bis spät in die Nacht aufbleibt, um eine Wohltätigkeitsveranstaltung zu planen; eine einzelne Person, die sich selbstlos um einen älteren Verwandten kümmert – es gibt unzählige Möglichkeiten, wie sich unser innerer, reiner „Mosche“ in unserem Leben zeigen kann.
Dieser innere Mosche hilft uns, die innere Kraft Midians zu brechen. Anstatt andere Menschen zu verachten und zu hassen, nehmen wir sie an und lernen sie sogar zu lieben, wie es das Gebot der Tora verlangt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“2 Der in der Tora beschriebene Kampf gegen Midian ist daher ein entscheidender Kampf, der bis in unsere Zeit hinein andauert.
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