Dwarim
Lieber Leser,
mit der dieswöchigen Sidra beginnen die Vorlesungen aus dem fünften Buche der Tora – Dwarim (Deuteronomium). Darin wird dargestellt, wie Moses zusammen mit dem Volke auf die mannigfachen Ereignisse während ihrer 40jährigen Wüstenwanderung zurückblickt. Eine der Begebenheiten, auf die Moses sich im heutigen Wochenabschnitte ganz besonders bezieht (Deut. 1, 22-46), ist die Episode bezüglich der 12 Kundschafter, die er ausgesandt hatte, um das Land Kanaan zu erkunden. Von ihrer Mission zurückgekehrt, hatten zehn von ihnen die Israeliten vom Einzug in das Land abzubringen versucht.
Wie konnten die Kundschafter es wagen, den Israeliten mit ihrer Beschreibung der stärke Kanaans Angst einzujagen? Hatten sie nicht alle persönlich die großen Wunder miterlebt, die G-tt für sie bei ihrem Auszuge aus Ägypten getan hatte, und danach tägliche Wunder in der Wüste? Musste ihnen allen da nicht klar sein, dass G-tt für sie ähnliche Wunder auch gegen die Kanaaniter vollbringen konnte?
Der Chassidismus legt die folgende Erklärung für die Worte der Kundschafter vor, und damit gewährt er gleichzeitig ein tieferes Verständnis für ihre Motive: Die Kundschafter vertraten die Ansicht, die einzige für das jüdische Volk mögliche Lebensweise sei diejenige, der sie gerade um jene Zeit folgten. Völlig von der übrigen Welt isoliert, hatten sie keine andere Wahl, als sich für ihren Unterhalt auf Wunder zu verlassen. Nach ihrem Einzug in Kanaan dagegen würde sich ihre Lebensweise radikal ändern. Fortan würden sie unter normalen, nicht unter übernatürlichen Bedingungen zu leben haben; und um ihren Lebensunterhalt zu finden, würden sie arbeiten müssen.
In einer solchen Situation aber, so behaupteten die Kundschafter, könnte man kein gesetzestreuer Jude sein. Sie unterstellten damit, in Kanaan zu leben würde zur Folge haben, dass sie vom Lande "verschluckt" würden, das heißt, sie würden sich völlig in den irdischen Beschäftigungen des täglichen Lebens verlieren und darin untergehen. Unter solchen Umständen würde die Religion, notwendigerweise, einen minimalen, sehr zweitrangigen Platz einnehmen. Ihr großer Irrtum war, dass sie die übernatürliche Existenz in der Wüste als einen endgültigen Zustand betrachteten, statt zu erkennen, was er in Wirklichkeit war: Vorbereitung für das kommende natürliche und weltliche Leben in Kanaan – wo sie das Ideal eines von der Tora bestimmten Lebens verwirklichen würden.
Schabbat Schalom
Diese Woche lesen wir den ersten Teil von Dwarim, mit dem das Buch Deuteronomium anfängt. Es ist das letzte Buch der Tora. Befinden wir uns also am Anfang eines Endes (am Ende der Tora) oder am Ende eine Anfangs (am Anfang der Reise des jüdischen Volkes, das der Welt die Tora überbringt)?
Was ist das größte Wunder unserer Generation? Der Sturz des Kommunismus? Der friedliche politische Wandel in Südafrika? Dass Fidel Castro immer noch Kuba beherrscht?
Unser Wochenabschnitt wird jedes Jahr vor dem Fasttag des Neunten Aw rezitiert. Die dazugehörige Lesung aus dem Prophetenbuch beginnt mit den Worten Die Vision des Jesaja, Sohn des Amoz und handelt von der Prophezeiung der Zerstörung des Ersten Tempels. Davon kommt auch der besondere Name dieses Schabbats – „Schabbat der Vision“.
Diese Betrachtung, spezifisch für "Schabbat Chason", den Schabbat vor Tischa beAw (Trauer- und Festtag für den zerstörten Tempel), soll dazu beitragen, das Wesen von Galut (Exil) tiefer zu verstehen, und auf eine damit verbundene besondere Aufgabe hinzuweisen.
Die Regeln gelten für jedes Jahr, bei dem das Fasten des 9. Aw am Sonntag eingehalten wird, – unabhängig davon, ob es sich um das originale Datum handelt oder das Fasten auf den bereits mit dem Nachteinbruch des vorherigen Tages beginnenden Sonntag verschoben wurde.
Die Abschiedsmahlzeit, die Klagelieder, die Gebete, die Toralesungen, das Fastenbrechen und mehr.