Jüdische Quellen sprechen von vielerlei Gründen für das Gebot der Mesusa: u.a. als Erinnerung an die Einheit G-ttes und zum Schutz eines jüdischen Hauses samt seiner Bewohner. Alle diese Gründe beziehen sich im Wesentlichen auf die Mesusa, die an der Außenseite eines Hauseingangs befestigt wird. Allerdings lehrt uns die Tora eindeutig, eine Mesusa an allen Türpfosten eines Hauses anzubringen: „Und du sollst sie schreiben an die Türpfosten deines Hauses“.1 Was sind mögliche Hintergründe eines solchen Gebotes, die Mesusa auch an den inneren Türpfosten eines Hauses anzubringen?

Bevor diese Frage beantwortet werden kann, müssen wir zuerst die Bedeutung eines Raumes verstehen. Warum haben wir verschiedene Räume in unseren Häusern? Offensichtlich dienen sie verschieden Zwecken. Das Wohnzimmer, die Küche, das Esszimmer, das Schlafzimmer – jeder dieser Räume beherbergt und dient einem verschiedenen Aspekt unseres Lebens. Grundsätzlich lässt sich daraus schließen, dass die Mesusa am Eingang eines jeden Raumes diesen mit einem speziellen Zweck G-tt widmet.

Diese Unterteilung von Raum, wie auch immer, mag möglicherweise auch eine gewisse Unterteilung des Bewusstseins hervorrufen. Genauso wie eine bestimme Kleidung zwar für den einen Raum angemessen, für einen anderen aber unangemessen sein kann (es mag z. Bsp. unangemessen sein, im Schlafanzug im biederen Esszimmer zu sitzen – obwohl solche Regeln heutzutage weniger genau genommen werden), so mag das Treten aus dem einen in einen anderen Raum auch eine Bewusstseinsveränderung erfordern.

Aus spiritueller Perspektive wird diese Bewusstseinsunterteilung sogar noch deutlicher. Das Leben eines Menschen wird als Ausübung der Awoda, dem Dienst für G-tt, verstanden. Konsequenterweise repräsentieren verschiedene Aktivitäten, die in unterschiedlichen Räumen ausgeübt werden, mannigfache Facetten des G-ttesdienstes. Überdies werden die Natur und das Sein eines Menschen mit dessen Dienst verknüpft, da er geschaffen wurde zum Dienst an seinem Schöpfer. Daher wandelt sich dessen Psyche und sogar dessen Person im eigentlichen Sinne, wenn sich die Art seines Dienstes ändert.

Der Talmud behauptet, „Ein Mann sollte seinen Freund nicht verlassen, es sei denn durch ein Gebot der Halacha, denn durch dieses Wort wird er sich an ihn erinnern“.2 Die schlichte Bedeutung dieser Aussage bezieht sich auf zwei Juden, die, wenn sie auseinander gehen, die Worte der Tora, genauer gesagt, der Halacha (rechtliche Auslegungen der Tora) austauschen sollen, um dadurch miteinander verbunden zu bleiben.

Der Lubawitscher Rebbe ermöglicht uns eine tiefere Einsicht in diese Aussage des Talmud. Die beiden auseinander gehenden „Freunde“, sagt der Rebbe, könnten auch als zwei Aspekte unserer Selbst verstanden werden – die gleiche Person, aber unterschieden nach zeitlichem Aspekt. Jeder Tag birgt seinen eigenen Zweck für den G-ttesdienst, so der Sohar. Daher entwickeln wir uns mit der Zeit – jeden Tag zu einer neuen Person. Damit sich aber das Bewusstsein nicht von einem Tag zum anderen entfremdet, sollte ein Mensch diese beiden Identitäten durch das Verinnerlichen der Gesetze der Halacha verbinden.3

Somit erklärt sich, warum jeder Raum eine eigene Mesusa erfordert. Wenn eine Person von einem Raum in einen anderen wechselt, verändert sich deren Selbst. Während sie über eine Schwelle tritt, die zwei Räume voneinander trennt, geschieht etwas gleichsam „eines Mensche, der sich von seinem Freund verabschiedet“: er entfernt sich von seinem vorherigen Selbst, welches sich mit dem Raum verband, den er in diesem Moment verlässt. Um diesen Bruch seiner Selbst zu heilen und um Kontinuität seines G-ttesdienstes zu gewährleisten, sind die Worte der Tora in die Mesusa am jeweiligen Türpfosten angeschrieben. Die Mesusa fügt die einzelnen Räume zu einem Wohnort G-ttes zusammen. Außerdem verbindet sie unser bruchstückhaftes Selbst, um Kontinuität unseres Dienstes für G-tt zu gewährleisten.

Somit fungiert die Mesusa als Kopplung aller drei Dimensionen, die im Sefer Jezira als Raum, Zeit und Seele (olam, schana, nefesch) aufgelistet werden. In der zeitlichen Dimension verbindet die Mesusa unser Selbst von einem Tag zum anderen, wobei jedem Tag ein einzigartiger Zweck und Dienst zukommt. In der räumlichen Dimension verknüpft die Mesusa die einzelnen, flickenhaften Räume zu einem zusammenhängenden Teppich, den wir als Haus erleben. Und in der Dimension des Geistes verbindet sie unser bruchstückhaftes Sein zu einem gesunden und vollkommenem Selbst. Möglicherweise beginnen deshalb die Worte, die in die Mesusa, diese Kopplungsstelle, eingeschrieben sind, mit dem Schma Jisrael, einer Proklamation der Einheit G-ttes, von der alle Einheit ausgeht.