Ein Müller namens Jerachmiel Hirsch hatte drei jüdische Arbeiter. Er war ein bekannter Gelehrter und erteilte regelmäßig Talmud-Unterricht in der örtlichen Studienhalle. Aber er hatte auch einen Charakterfehler: Er verachtete einfache, ungebildete Juden.
Ephraim Kalman, einer seiner Arbeiter, war ebenfalls ein fähiger Gelehrter und daher bei seinem Chef hoch angesehen. Der andere Arbeiter, Baruch Schimon, hatte nie die Chance gehabt, die Tora zu studieren, und vielleicht fehlte ihm der Verstand dafür. Obwohl er nicht viel über die Tora wusste, war er ein ehrlicher Mensch, und sein Chef hatte nichts an ihm auszusetzen. Dennoch ließ der Müller keine Gelegenheit aus, ihn seine Verachtung spüren zu lassen. Wenn Ephraim Kalman dabei war, scheute er sich nicht, seinen Chef zu schelten – er zitierte die Weisen, die selbst Toragelehrten verboten, sich anderen überlegen zu fühlen. Der Müller hatte so viel Respekt vor Ephraim, dass er die Vorwürfe wortlos hinnahm. Trotzdem änderte er seine Einstellung zu Baruch nicht.
Eines Tages kehrte Reb Jerachmiel vom Beth-Hamidrasch zurück, wo er wie üblich Talmudunterricht gegeben hatte. Da er die Anerkennung seines gelehrten Arbeiters suchte, eilte er zu Ephraim, wiederholte seinen Vortrag und wartete gespannt auf einen Kommentar. Während die beiden in ihre gelehrte Diskussion vertieft waren, saß Baruch still in einer Ecke und sprach Psalmen. Dabei flossen ihm Tränen über die Wangen.
Als der Müller und sein Arbeiter ihr Gespräch beendeten, bemerkten sie Baruch, der mit geschlossenen Augen dasaß und Psalmen rezitierte. Als sie merkten, dass er eine Passage mit vielen Fehlern sprach, sagte Reb Jerachmiel in verächtlichem Ton: „Was hat dir dieses arme Hallel (Gebet) getan? Du ermordest es ja!“ Zufrieden mit seinem Witz brach er in spöttisches Gelächter aus.
Der arme Baruch war verstört. Dann warf er seinem Kollegen Ephraim einen dankbaren Blick zu, weil dieser seinem Chef eine zornige Standpauke hielt. „Du solltest wissen“, sagte er, „was unsere Weisen sagen: Für jedes Wort des Lobes für den Allm-chtigen, das von den Lippen eines Juden kommt, wird ein Engel geboren! Und diese Engel sprechen immer zugunsten des Juden, dem sie ihre Existenz verdanken. Wie kannst du es also wagen, den armen Baruch auszulachen, wenn er G–tt lobt und ihn veranlasst, Engel zu erschaffen!“
„Und was für Engel sollen das sein?“, fragte Jerachmiel abfällig. „Wenn ihre Schöpfung von Baruchs Worten abhängt, müssen sie verkrüppelt sein.“ Wieder lachte er über seinen Witz.
„Und was für Engel werden deiner Meinung nach dank unserer Gelehrtheit geboren?“, fragte Ephraim.
„Nun, du kannst sicher sein, dass sie vollkommen, gesund und stark sind, wie aus Eisen oder Stein geformt. Und ihre Lieder sind bis zum Himmelsthron zu hören!“, sagte der Müller stolz.
„Ich bin davon überzeugt“, entgegnete Ephraim, dass der Allm-chtige viel mehr Freude an den Engeln hat, die du verkrüppelt nennst, die ihr Dasein jedoch den Worten einfacher, herzensguter Juden verdanken. Sie sind ihm wichtiger als jene, die durch die Worte hochmütiger Juden entstehen!“
Der Müller schwieg, aber von diesem Tag an beleidigte er Baruch nie mehr in Gegenwart Ephraims. Das hinderte ihn aber nicht daran, Baruch noch mehr als bisher zu plagen. Er schalt ihn, weil er sich frei nehmen wollte, um das Gebetsquorum zu erfüllen. Aber Baruch bestand auf diesem Recht. „Meine Gebetszeit gehört mir und ist mir so heilig wie Schabbat und Jom Tow. An diesen Tagen kannst du auch keine Arbeit von mir verlangen“, erklärte er furchtlos.
„Aber der Allm-chtige verlangt keine besonderen Gebete von dir“, sagte der herzlose Müller. „Es reicht, wenn du zu Hause betest.“ Das war zu viel für den armen Kerl, und er erwiderte keuchend: „Ist es mein Fehler, dass G–tt mich nicht mit scharfem Verstand gesegnet hat, so dass ich kein Gelehrter sein kann? Und kann ich etwas dafür, dass ich keine Zeit für das Studium der Tora habe, weil ich Getreidesäcke schleppen muss, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen?“
Der Müller hatte einen Neffen namens Schalom Jechiel, der bei ihm wohnte und ein treuer Anhänger des Baal Schem Tow und dessen neuer Lebensweise war. Als er hörte, wie sein Onkel diesen einfachen Mann beschämte, erklärte er ihm: „Höre, was der Baal Schem Tow lehrt. Er sagt, er schätze die Werte des einfachen, aber aufrichtigen Juden mit gütigem Herzen viel höher ein als den hochmütigen Toragelehrten.“ Schalom Jechiel berichtete ausführlich von den Gedanken seines Rebbe, und sein Onkel hörte offenbar nicht nur mit den Ohren zu, sondern auch mit dem Herzen; denn von diesem Tag an quälte er Baruch nie wieder.
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