Eine jüdische Familie war zu arm, um dem Poriz (Grundherrn) die Miete zu zahlen. Deshalb verlor sie ihr Heim und wurde ins Gefängnis des Poriz geworfen. Jeden Tag bekamen sie Brot und Wasser, das an einem Seil in die Grube hinuntergelassen wurde. Eines Tages hatte der Wärter Mitleid mit den Unglücklichen. Als der Poriz nicht zu Hause war, rief er ihnen zu, sich an dem Seil festzubinden, das er hinunterließ. Er zog sie hoch und ließ sie frei. Die dankbaren Juden flohen, vergaßen aber in der Eile, ihren neugeborenen Sohn mitzunehmen.
Als der Poriz herausfand, was geschehen war, tobte er vor Wut. Er stieg in die Grube, um die Sache zu untersuchen. Zu seiner Verblüffung fand er dort ein weinendes Baby in einer dunklen Ecke. Der Verwalter des Poriz, der keine Kinder hatte, bat seinen Herrn, das verlassene Kind adoptieren zu dürfen. Der Poriz erlaubte es ihm, und so wurde das Kind im Heim eines Nichtjuden erzogen und nannte die Leute, bei denen es lebte, Vater und Mutter. Sie sagten ihm nie, dass sie es adoptiert hatten.
Aber die anderen Kinder im Ort verspotteten den Jungen und nannten ihn „Schid“ (Jude). Alle im abgelegenen Dorf kannten seine Herkunft, nur er nicht. Als er älter wurde, merkte er, dass man ihm etwas über seine Vergangenheit verschwieg. Aber seinen Eltern gelang es immer, seinen Fragen auszuweichen.
Doch eines Tages ließ der Junge sich nicht abspeisen. So fand er heraus, dass er nicht der Sohn des Paares war, und erfuhr, wie seine jüdischen Eltern aus dem Kerker geflohen waren. Obwohl er nicht genau wusste, was ein Jude war, beschloss er, sich eines Tages seinen Brüdern und Schwestern anzuschließen. Seine Chance kam kurze Zeit später, als er aus dem Dorf floh und in die nächste Stadt lief. Er sprach den ersten Menschen an, den er traf, und dieser stellte sich als Aufseher der Synagoge heraus. „Ich bin Jude und möchte unter Juden sein“, sagte er auf russisch zu dem überraschten Mann. Der nahm ihn mit nach Hause, behandelte ihn wie seinen eigenen Sohn und brachte ihm Alef-beit bei. Bald sprach der fleißige Schüler Jiddisch, konnte beten und studierte die Tora.
Als er bereit für den Cheder war, warnte ihn der Aufseher davor, etwas über seine Vergangenheit zu verraten. Zur Bar Mizwa brachte der Mann ihm ein Paar Tefilin. Er setzte seine Studien fort, bis er nach einigen Jahren als großer Gelehrter galt. Sein Ziehvater schickte ihn in eine höhere Jeschiwa in einer anderen Stadt, wo er schnell einer der besten Schüler wurde. Er wohnte in einer Herberge, die einem Tschernobler Chassidim gehörte. Dieser schlug dem vielversprechenden jungen Mann vor, ihn auf seiner nächsten Reise zum Rebbe zu begleiten. Sein Mieter war einverstanden.
Bevor sie wieder nach Hause fuhren, gingen sie zum Rebbe, um sich segnen zu lassen. Der Rebbe sah den jungen Mann an und sagte: „Ich gebe dir ein Amulett. Trage es immer am Hals. Du und der Rabbi müsst es an deinem Hochzeitstag gemeinsam öffnen.“ Der junge Mann kehrte in seine Jeschiwa zurück. Bald darauf fragte jemand den Schulleiter nach einem geeigneten Gatten für seine Tochter. Der Schulleiter dachte sofort an den jungen Mann, der seinem künftigen Schwiegervater gut gefiel. Das Hochzeitsdatum wurde festgelegt.
Kurz vor der Zeremonie erinnerte sich der Bräutigam an die Anweisung des Rebbe. Er ging zum Rabbiner und sagte, er müsse etwas Privates mit ihm besprechen. Als sie allein waren, erzählte er ihm die Geschichte, und sie öffneten zusammen das Amulett. Zu ihrer Überraschung fanden sie darin einen Zettel mit den Worten: „Es ist verboten, seine Schwester zu heiraten.“ Der Rabbiner erschrak und fragte den jungen Mann aus. Der berichtete ihm alles, was er von seiner Kindheit wusste.
Dann sprach der Rabbiner mit dem Vater der Braut. Dieser erzählte die Lebensgeschichte der Braut und erwähnte, dass die Familie einst aus dem Gefängnis geflohen war. Jetzt erkannten alle, dass die g-ttliche Vorsehung den verlorenen Sohn zu seinen Eltern zurückgeführt hatte. Der junge Mann war das Kind, das vor vielen Jahren vergessen worden war. Die dankbare Familie staunte über die Voraussicht und Heiligkeit des Tschernobler Rebbe.
ב"ה
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