Die folgende Sicha stammt aus den Ergänzungen von Bd. II, S. 561, ab Gimmel.
XXVIII. „Wenn dir jemand sagt, dass es unter den Völkern Weisheit gibt, so glaube ihm ... wenn er dir aber sagt, dass es unter den Völkern Tora gibt, so glaube ihm nicht.“1 Diese Aussage unserer Weisen zeigt den Unterschied zwischen Weisheit und Tora.
Das Verstehen rationaler Einsichten setzt zunächst die Vertrautheit mit axiomatischen Prämissen und den Grundregeln der wissenschaftlichen Methode voraus. In der philosophischen Terminologie werden diese als die Prinzipien der Logik bezeichnet. Die Regeln der Logik und die axiomatischen Prämissen erzwingen die Schlussfolgerungen des Verstandes.
Diese Regeln und Prämissen führen in der Tat zu Schlussfolgerungen, aber sie beruhen nicht auf vorausgehenden Prinzipien, die ihre Annahme erzwingen würden. Sie hängen vom „guten Willen“ des Menschen ab: Wenn er mit ihnen einverstanden ist, wenn er bereit ist, sie zu akzeptieren, dann wird er auch die rationalen Schlussfolgerungen akzeptieren, die aus ihnen folgen. Ist man nicht bereit, sie zu akzeptieren, hat man die Möglichkeit, sie abzulehnen, und wird daher auch die Schlussfolgerungen ablehnen, die sich aus ihnen ergeben.
Dies ist ein Weg, um zu zeigen, dass der Intellekt selbst von etwas abhängig ist, das über den Intellekt hinausgeht. Der Intellekt selbst spürt, dass seine eigene Ursprungsquelle nicht der Intellekt ist. Denn der Ausgangspunkt, der dem gesamten Intellekt zugrunde liegt [d. h. die axiomatische Prämisse], ist vom rein rationalen Standpunkt aus nicht zwingend. Das Prinzip der Axiome wird angenommen, weil es den Menschen anspricht. Ihre Annahme ist also ein Akt des Glaubens und der psychologischen Vermutung.
Hier liegt der Unterschied zwischen Weisheit und Tora. Die Akzeptanz der Weisheit hängt vom „guten Willen“ des Menschen ab. Wenn die rationalen Prinzipien ihn ansprechen, wird er sie nutzen, um verschiedene Schlussfolgerungen zu ziehen, auch wenn diese Prinzipien für sich genommen nicht überzeugend sind. Das ist bei der Tora nicht der Fall. Denn Tora, wie dieser Begriff im Sohar interpretiert wird,2 bedeutet Hora-a (Lehre, Unterweisung): Die Tora lehrt den Menschen, was verpflichtend, was erlaubt und was verboten ist, d. h. die drei Kategorien von Issur (das Verbotene), Reschut (das Erlaubte) und Mizwa (das G-ttlich Angeordnete und Geheiligte); und die Tora verlangt, dass man den Bereich von Reschut in einen Bereich von Mizwa umwandelt.
Die Tora macht diese Anweisungen nicht von der Zustimmung des Menschen abhängig. Die Tora lehrt und verlangt, dass der Mensch sie unabhängig von seinen eigenen Meinungen und Wünschen befolgen muss.
Dies ist also die Bedeutung von „Weisheit unter den Völkern, glaube ihm ... Tora unter den Völkern, glaube ihm nicht.“ Das Konzept der Weisheit, etwas, das dem guten Willen und der Zustimmung des Menschen unterliegt, existiert auch unter den Völkern. Wenn sie die Prämissen und Prinzipien der Argumentation gutheißen, sind sie bereit, auch die Schlussfolgerungen zu akzeptieren. Das Konzept der Tora jedoch, das auch ohne vorherige Zustimmung zu akzeptieren ist, d. h., unabhängig davon, ob es dem Menschen gefällt oder nicht, das gibt es bei den Völkern nicht.
XXIX. Die Annahme der Tora, unabhängig von subjektivem Gefallen und Zustimmung, gibt es nur bei den Juden. Denn jeder Jude hat eine Seele, die mit dem Allmächtigen verbunden ist, wie wir sagen: „Die Seele, die Du in mich hinein gegeben hast“3, und alle Juden standen am Berg Sinai für die Übergabe der Tora, einschließlich der Seelen, die noch kommen werden, und sogar der Seelen aus der Zeit davor.4
So hörte jeder Jude, wie G-tt zu ihm, zu jedem Einzelnen, sagte: „Anochi – Ich bin der Ewige, dein G-tt ...“5 Das heißt, „Anochi – Ich“, der Eine, auf den mit keinem Buchstaben oder Häkchen angespielt werden kann,6 „bin deine Energie und deine Lebenskraft.“7 Die Rede des Heiligen, gesegnet sei Er, ist gleichbedeutend mit einer Handlung,8 wodurch das oben Gesagte Wirklichkeit wird: Der Aspekt von Anochi – ein Akrostichon für „Ich Selbst habe geschrieben (und) gegeben“,9 was bedeutet, dass Er „sich Selbst in die Tora geschrieben hat“10 – ist die Energie und Lebenskraft des Juden.
Daraus folgt, dass der Glaube an G-tt im tiefsten und absoluten Kern der Seele eines jeden Juden verankert ist. Tatsächlich gibt es weit mehr als nur den Glauben: Ein Jude braucht nicht einmal den Glauben, denn die Realität G-ttes ist sein eigenes Wesen, seine eigene Energie und Lebenskraft.11
Natürlich kann es sein, dass alle möglichen Hindernisse auftauchen und dieses tief verwurzelte Bewusstsein der G-ttlichkeit verdecken. Nichtsdestotrotz ist die Tora [Unterweisung] im Innersten der Seele eines jeden Juden vorhanden. Er hat die ganze Tora; und er hat sie nicht aufgrund irgendeiner persönlichen Zustimmung oder Vernunft, die nur so weit reicht und begrenzt ist, sondern weil „Tora Unterweisung bedeutet“, die Tora sein Führer und Mentor ist, selbst in Angelegenheiten, die er nicht versteht. Die Tora dringt bis zum Kern all seiner Angelegenheiten vor, auch wenn dies jenseits seiner Vernunft liegt, denn sein Wesen ist das „Anochi Haschem, Ich bin der Ewige.“
XXX. Dies lehrt das Folgende:
Wenn man sich auf den Weg macht, um andere zur Jiddischkeit zu bringen, und jemandem begegnet, der noch weit von diesem Ideal entfernt ist, soll man sich nicht sorgen und verzweifeln. Man muss wissen, dass das volle Bewusstsein für all das, woran ein Jude glauben muss, tief in der Seele dieser Person verwurzelt ist und von ihr im Innersten aufgenommen wurde. Dieses Bewusstsein ist ohne jede Einschränkung vorhanden, denn es ist sein eigenes Wesen. Man muss nur die Hindernisse aus dem Weg räumen, und dann wird sich die innere Natur manifestieren.
Wenn die innere Wirklichkeit von innen wirkt und jemand ihn auch von außen aufrüttelt, dann werden diese beiden Faktoren zusammen auch das, was dazwischen steht (d. h. die Natur oder der Charakter, der gegenwärtig zwischen seinem eigenen inneren Selbst und dem, der von außen auf ihn einwirkt), vollständig durchdringen.
Es ist die Pflicht eines jeden Juden, hinauszugehen und die Hindernisse zu beseitigen, die den inneren Kern behindern. Der Alte Rebbe pflegte zu sagen, dass die Reihenfolge in der Tora selbst auch Tora (Unterweisung) ist.12 So lautet das allererste Gebot in der Tora: „Seid fruchtbar und mehret euch“13, was bedeutet, dass das allererste Gebot darin besteht, dass ein Jude einen anderen Juden machen soll.14
(Adaptiert aus einer Sicha gehalten an Schawuot 5715)
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