Mosche Schlomo war ratlos. Er hatte den Baal Schem Tow (auch Bescht genannt) um einen Segen gebeten, weil er sich Kinder wünschte; doch der Rebbe hatte die Bitte ignoriert und ihm stattdessen einen Segen für gute Geschäfte und Wohlstand erteilt. „Wenn der Baal Schem Tow mich mit Reichtum segnet“, sagte Mosche zu seiner Frau Rikwa, „wird sein Wunsch gewiss erfüllt, denn ich bin ja schon reich. Aber warum betet er nicht darum, dass wir Kinder haben?“

Eines Tages rief der Bescht das Paar zu sich und sagte: „Warum seid ihr so betrübt? G-tt hat euch reich gesegnet. Ihr könnt mit eurem Geld viel Gutes tun, und das tut ihr ja auch.“ Dann fragte er die beiden, ob sie ihn auf eine Reise begleiten wollten. Natürlich stimmten sie zu. Als sie in einem Städtchen bei Brody ankamen, schlug der Bescht einen Spaziergang um die Stadt herum vor. Sie sahen spielende Kinder, und der Bescht fragte einen kleinen Jungen: „Wie heißt du?“

„Baruch Mosche“, antwortete das Kind. „Und du?“, fragte er ein anderes Kind. „Baruch Mosche“, lautete die Antwort. „Und du?“, fragte er ein drittes Kind. Auch dieses hieß Baruch Mosche. Und alle anderen trugen den gleichen Namen!

Ein kleines Mädchen, die Schwester eines der Knaben, sagte: „Ich bin Bracha Lea.“ Und alle anderen Mädchen hießen genauso.

Mosche Schlomo und Rikwa waren verblüfft. Aber der Bescht schien sich gar nicht zu wundern. Sie gingen weiter und fragten jedes Kind, das sie trafen, nach seinem Namen. Die Antwort lautete unweigerlich: „Baruch Mosche“ oder „Bracha Lea“. Schließlich ging der Bescht zu einem alten Mann, der auf einer Bank saß. „Kannst du uns erklären, warum hier fast jedes Kind Baruch Mosche oder Bracha Lea heißt?“

Der alte Mann lächelte und erklärte: „Vor rund hundert Jahren lebte in dieser Stadt ein Metzger namens Jizchak, der die Tora ehrte und viel Gutes tat. Er hatte einen Sohn, den er Baruch Mosche nannte. Er schickte das Kind zum Cheder, aber es stellte sich bald heraus, dass der Knabe nie ein Gelehrter werden würde. So sehr er sich auch bemühte, er konnte nichts behalten, was man ihn lehrte. Selbst Privatlehrer halfen nicht. Ein Jahr nach seiner Bar Mizwa verließ Baruch Mosche die Schule, um Lehrling in der Metzgerei seines Vaters zu werden. Dort stellte er sich viel geschickter an als in der Schule.

Jahre vergingen, und Baruch Mosche heiratete Bracha Lea. Sie lebten zufrieden und waren in der Gemeinde hoch angesehen. Als Baruch Mosches Eltern starben, wollte er ihnen zu Ehren Mischna lernen. Doch einerlei, wie sehr er sich anstrengte, er konnte nicht einmal die einfachste Mischna behalten. Verzweifelt gab er auf und setzte sich in die Synagoge, wo der Rabbi gerade unterrichtete. Aber er verstand nicht einmal die Hälfte dessen, was gesagt wurde.

Eines Tages fiel ihm ein besonderer Satz auf. Er hörte den Rabbi sagen, wer den Sohn seines Freundes die Tora lehre, sei für diesen Knaben wie ein Vater. Das machte ihn traurig, denn er hatte keine Kinder. Und es war doppelt traurig, dass er die Kinder anderer nie würde unterrichten können, um sie zu seine Kindern zu machen. Baruch Mosche seufzte tief.

Der Rabbi nahm ihn beiseite und sagte: „Verzweifle nicht. Du und deine Frau seid noch jung. Vielleicht werdet ihr mit Kindern gesegnet.“

Baruch Mosche wurde von Traurigkeit überwältigt. „Ich weiß nicht, ob wir je Kinder haben werden. Und als Ihr sagtet, man kann die Kinder anderer Leute als seine eigenen betrachten, wenn man sie unterrichtet, war ich doppelt traurig, denn ich bin so unwissend. Was soll aus mir werden?“ Und er brach in Tränen aus.

„Lieber Baruch Mosche“, sagte der Rabbi voller Mitgefühl. „Meine Worte waren nicht nur wörtlich gemeint. Du kannst dafür sorgen, dass die Kinder anderer Leute Unterricht erhalten! Bezahle Lehrer, damit sie die Kinder der Armen unterrichten, und unterstütze die Schulen, damit sie mehr Schüler aufnehmen können. Dann bist du der spirituelle Vater dieser Kinder.“

Baruch Mosches Augen leuchteten. Ja, das konnte er tun! Er eilte nach Hause und berichtete seiner Frau, was der Rabbi gesagt hatte. Am nächsten Morgen versammelte er alle armen Kinder der Stadt, deren Eltern sich den Cheder nicht leisten konnten. Er bezahlte einen Lehrer für sie und besuchte sie oft, um zu prüfen, welche Fortschritte sie machten. Und den Schulen half er mit großzügigen Spenden. Die Jahre vergingen, und Baruch Mosche und seine Frau ermöglichten immer mehr Kindern ein Torastudium. Auch ich und meine ganze Generation wurden in der Jeschiwa unterrichtet, die dieses wundervolle Paar gründete. Vor fünfzehn Jahren starben die beiden. Sie hatten zwar keine eigenen Kinder, aber es gab Hunderte von Kindern, denen sie zu einer Ausbildung verholfen hatten und die ihren Namen trugen. Wir fühlten uns geehrt, zu ihrem Gedenken unsere Kinder nach ihren spirituellen Eltern zu benennen. Und jedes Jahr an ihrem Todestag versammeln wir uns alle, um Kaddisch für ihre edlen Seelen zu sprechen.“

Als sie diese Geschichte gehört hatten, verstanden Mosche Schlomo und Rikwa ihren Auftrag: Sie würden jüdische Kinder unterrichten und dadurch Hunderte von Kindern „adoptieren“. Sie arbeiteten selbstlos und vergaßen nie, was sie von ihren Vorbildern Baruch Mosche und Bracha Lea gehört hatten.