Der Baal Schem Tov löste in ganz Europa eine Revolution von unten aus, die als Chassidismus bekannt wurde. In den Mittelpunkt der chassidischen Philosophie stellte er den Grundsatz der Hashgacha Pratit, der g-ttlichen Vorsehung – den Glauben, dass G‑tt wirklich die Kontrolle hat und jedes Detail unseres Lebens lenkt. Er hatte viele Gegner, die ihn herausforderten. Vielleicht hatten sie Angst, dass dieser Glaube dazu führen würde, dass die Menschen sich ihrer Verantwortung entziehen und passiv werden. Doch der Baal Schem Tow lehrte, dass ein wahres Verständnis von Hashgacha Pratit Eigeninitiative fördert, nicht Passivität.
Wie das? Eine Betrachtung der biblischen Erzählung über Josef kann Licht in die Angelegenheit bringen.
Die Beschreibung Josefes in der Tora lässt keinen Zweifel daran, dass er ein Mann war, der voll und ganz an die g-ttliche Vorsehung glaubte. Als Josef seinen Brüdern seine wahre Identität offenbarte, half er ihnen, ihre lähmende Schuld zu überwinden, indem er ihnen seine Sichtweise auf den Verkauf darlegte:
„Aber nun seid nicht traurig, und lasst es euch nicht zu Herzen gehen, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn G‑tt hat mich vor euch hergesandt, um Leben zu erhalten. Denn schon zwei Jahre der Hungersnot [sind vergangen] im Land, und [für] weitere fünf Jahre wird es weder Pflügen noch Ernte geben. So hat G‑tt mich vor euch hergesandt, um euch einen Rest im Land zu bewahren und [es] für euch zu einer großen Rettung zu erhalten.“1
Zwar hatten seine Brüder ihn, einen frühreifen Sohn in Jakobs berühmter Familie, entführt und ihn zu einem Stück Fleisch gemacht, das auf einem Marktplatz versteigert werden sollte. Doch er war ihnen nicht böse, denn er machte sie nicht für seine Demütigung verantwortlich. In seinen Augen war es G‑tt und nur G‑tt allein, der sein Schicksal lenkte.
Josefs Zeit in Ägypten wurde immer schlimmer. Zunächst wurde er an Potifar, einen ägyptischen Würdenträger, verkauft, wo er recht erfolgreich war – doch dann wurde er verhaftet. Sein angebliches Verbrechen war von Potifars Frau erfunden worden, als Rache dafür, dass Josef ihre verführerischen Avancen zurückgewiesen hatte. Josef musste jahrelang im Gefängnis sitzen.
Die ganze Zeit über blieb Josef seinem Glauben treu, dass G‑tt den Lauf seines Lebens lenkte und dass hinter all dem Chaos ein Sinn steckte.
Und dann, eines Tages, bemerkte Josef, dass zwei seiner Mitgefangenen niedergeschlagen waren. Der Oberkellner und der Oberbäcker des Pharaos waren wegen kulinarischer Vergehen inhaftiert worden. Ihr Leid bewegte Josef, und er sprach sie an. „Warum seht ihr heute so niedergeschlagen aus?“
„Wir hatten einen Traum“, antworteten sie, „aber es gibt niemanden, der ihn deuten kann.“2
Josef deutete ihre Träume zutreffend. Zwei Jahre später empfahl der Oberkellner Josef dem Pharao, als auch dieser beunruhigende Träume hatte. Josef deutete die Träume des Pharaos erfolgreich; der Rest ist Geschichte. Er wurde zum Vizekönig des Pharaos und rettete Ägypten und seine gesamte Familie während der Hungersnot vor dem Verhungern.
Aber kehren wir zu seiner ursprünglichen Frage zurück, die die gesamte Abfolge der folgenden Ereignisse auslöste: „Warum seht ihr heute so niedergeschlagen aus?“
Hätte sich Josef hilflos und wütend gefühlt – so wie es fast jeder in seiner Lage empfunden hätte –, wäre er unfähig gewesen, auf das Leid anderer zu reagieren, außer auf sein eigenes. Wütende Menschen nehmen andere, die leiden, nicht wahr. Und warum hätte Josef sich an Mitarbeiter einer Regierung wenden sollen, die ihn zu Unrecht inhaftiert hatte?
Doch Josef war nicht wütend – weder auf die Regierung, noch auf Potifars Frau, noch auf seine Brüder. Und so bewahrte er sich auch im Gefängnis seine Gelassenheit.
Und so war Josef im Einklang mit dem Leid eines anderen Menschen und daher in der Lage, diese eine kleine Tat der Güte und Freundlichkeit zu vollbringen. Er ahnte nicht, dass dies die Welt verändern würde.
Die Überzeugung, dass G‑tt genau hier ist und alles lenkt, was geschieht, ist wie eine spirituelle chiropraktische Behandlung – sie verlagert unseren Fokus von Frustration hin zu Neugier. Die instinktive Reaktion – „Das ist falsch; das hätte mir nicht passieren dürfen!!“ – wird zu: „Das ist eine Chance – warum sonst sollte es mir passieren?“
Unsere Aufgabe ist es, nach Möglichkeiten zu suchen, etwas zu bewirken. Und manchmal eröffnet ein kleines Zeitfenster eine ganz neue Welt voller frischer Luft.
Das erinnert mich an die Antwort des Rebben auf einen CNN-Reporter, der auf den berühmten „US-Dollar-Schlangen“ stand, die sich jeden Sonntag vor dem weltweiten Hauptquartier von Lubawitsch bildeten. Als er an der Reihe war und vor dem Rebben stand, fragte er: „Was ist Ihre Botschaft an die Welt?“
Der Rebbe antwortete: „Der Moschiach ist bereit, jetzt zu kommen. Wir alle müssen nur noch etwas Zusätzliches im Bereich des Guten und der Güte tun.“3
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