Es scheint die ultimative co-abhängige Beziehung zu sein.
In dem Wochenabschnitt der Tora lernen wir eine zwielichtige Figur namens Lot kennen, Abrahams Neffen. Durch seine Beziehung zu Abraham wird Lot reich und mächtig, doch genau das ist der Auslöser für die Kluft zwischen den beiden. Abraham achtet stets darauf, seinem Vieh einen Maulkorb anzulegen, wenn er die Felder anderer durchquert. Lots Hirten lassen seine Tiere hingegen weiden, wo immer es ihnen gefällt. Ihr Argument lautet, dass G‑tt Abraham das Land Kanaan versprochen habe und Abraham keine Kinder habe, sodass alles an Lot fallen werde. Daher halten sie es für gerechtfertigt, Lots Tiere auf den Feldern anderer frei weiden zu lassen.
Für Abraham ist dies völlig inakzeptabel. Zwar hat G‑tt das Land seinen Nachkommen versprochen, doch hat er es noch nicht in Besitz genommen und hat daher keinen Anspruch auf die Felder seiner Nachbarn. Ohnehin ist Lot nicht der endgültige Erbe. Erschwerend kommt hinzu, dass Lot Abraham äußerlich ähnelt,1 sodass sein Verhalten auch auf Abraham negativ zurückfällt. Schließlich stellt Abraham ein Ultimatum: „Bitte, lass uns getrennte Wege gehen. Wenn du nach links gehst, werde ich nach rechts gehen. Wenn du nach rechts gehst, werde ich nach links gehen.“2
Für Lot hätte dies eine Gelegenheit zur Selbstreflexion sein sollen – um sein Verhalten zu bessern und die Beziehung zu seinem verehrten Onkel Abraham nicht zu verlieren. Stattdessen willigt Lot in die Trennung ein und lässt sich unter den verdorbensten Menschen nieder, die es damals gab – den Bewohnern von Sodom.
Nicht lange danach nehmen vier mächtige Könige den Kampf gegen fünf schwache Könige auf, darunter den König von Sodom, und unterwerfen die Bevölkerung. Nach zwölf Jahren der Unterwerfung lehnen sich die fünf Könige auf. Es bricht ein Krieg aus, und Lot wird gefangen genommen. Als Abraham die Nachricht hört, schreitet er sofort zur Tat und zieht persönlich in die Schlacht, um Lot zu befreien.
Kehrt Lot an diesem Punkt dankbar und demütig an Abrahams Hof zurück? Nein, das tut er nicht. Er lebt weiterhin bei den verdorbenen Sodomitern und wird sogar zu einer Führungsfigur unter ihnen.
Schließlich spitzt sich die Lage zu, und die Bosheit Sodoms reicht bis in den Himmel. G-tt fällt ein Urteil: Die Stadt Sodom muss vernichtet werden. G-tt teilt die Nachricht seinem vertrauten Diener Abraham mit, der daraufhin für die Bewohner Sodoms betet. Es gelingt ihm jedoch nicht, eine ausreichende Anzahl gerechter Menschen zu finden, durch deren Verdienste die Stadt gerettet werden könnte. Doch zumindest Lot bleibt das Unheil erspart.
Als die Engel erscheinen, um Lot zu retten, ist dieser jedoch nicht besonders erpicht darauf, sich ihnen anzuschließen. Die Engel schleppen ihn fort, und er entkommt nur wenige Augenblicke vor der Zerstörung der Stadt mit dem Leben.
Der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ist, als Lots Töchter die Zerstörung um sich herum wahrnehmen und annehmen, dass sie die Einzigen sind, die übrig geblieben sind. Sie machen ihren Vater betrunken und werden von ihm schwanger. Bald verbreitet sich die Nachricht von Lots inzestuöser Beziehung zu seinen Töchtern, und Abraham ist gezwungen, beschämt fortzuziehen.3
Der rote Faden dieser Geschichte ist, dass Abraham wiederholt durch das Verhalten seines Neffen enttäuscht und gedemütigt wird, ihn aber dennoch immer wieder aus der Patsche hilft.
Abraham war eine Führungspersönlichkeit – jemand, der andere stark motivieren konnte – und es muss ihm große Schmerzen bereitet haben, keinen größeren Einfluss auf seinen Neffen ausüben zu können. Doch Lot war eine eigenständige Persönlichkeit, die ihre eigenen Entscheidungen traf. Warum ließ Abraham ihn nicht einfach mit den Konsequenzen leben?
Warum trennte sich Abraham nicht endgültig von Lot? Warum griff er immer wieder ein, um Lot vor sich selbst zu retten? War es klassische Co-Abhängigkeit, oder spielte eine andere Dynamik eine Rolle?
Vielleicht sah Abraham Potenzial in Lot und versuchte immer wieder, es zum Vorschein zu bringen.
Chassidische Lehren erklären, dass Lot den Teil des Geistes repräsentiert, der ungehobelt und ungeschliffen ist. 4 Es ist der Teil, der sich unvorhersehbar, manchmal beschämend verhält; der Teil, der uns immer wieder in Schwierigkeiten bringt; der Teil, der uns an die trostlosesten, entwürdigendsten Orte ziehen kann – unser persönliches Sodom. Wir versuchen, uns davon zu distanzieren, können unserem Lot aber nie ganz entkommen. Und vielleicht wollen wir das auf einer gewissen Ebene auch gar nicht.
Und das ist etwas, das Abraham uns, seinen Nachkommen, hinterlassen hat: Wir werden unseren Lot niemals aufgeben, sei es ein eigensinniges Kind, ein nerviger Nachbar – oder wir selbst. Wir geben nicht auf, denn selbst der unkultivierteste und peinlichste Mensch birgt Potenzial, das darauf wartet, entdeckt zu werden.
Lots zwei Töchter brachten zwei Söhne zur Welt, aus denen zwei mächtige Völker hervorgingen: Moab und Ammon. Aus Moab stammte Rut ab, die berühmte Konvertitin, die zur Urgroßmutter von König David wurde. Aus Ammon stammte Naama ab, die Frau von König Salomon und Mutter seines erstgeborenen Sohnes und Erben, Rechoboam. Somit geht die Abstammungslinie der Dynastie Davids und damit auch des Moschiach auf Lot zurück.
Abraham sah voraus, dass Lot ein Vorfahr von König David und dem Moschiach sein würde. Zu dem Vers in den Psalmen: „Ich habe meinen Knecht David gefunden“,5 bemerkt der Midrasch: „Wo hat Er ihn gefunden? In Sodom!“6
Das Vermächtnis Lots besteht darin, dass keine Lebensumstände so tief gesunken oder so verdorben sind, dass nichts Gutes daraus entstehen könnte. Abrahams Rettung Lots befähigt uns, uns selbst und einander aus den Abgründen Sodoms zu retten – so oft wie nötig –, bis wir unser „Lot“ bis zum Äußersten geläutert haben und die Welt endlich bereit für den Moschiach ist.
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