Vor etwa 3.300 Jahren erschallte heftiges Donnern, der Berg war in Rauch gehüllt, und der Schofarton wurde lauter und lauter – wir empfingen die Tora am Berge Sinai (wie in der dieswöchigen Sidra dargestellt wird).

Der Talmud (Brachot 8a) enthält den folgenden Ausspruch: "Wer immer sich mit Tora und Wohltätigkeit beschäftigt und mit der Gemeinde betet, für ihn rechne Ich es an (sagt der Ewige), als habe er Mich und Meine Kinder aus der Mitte der Völker der Erde befreit."

Die Frage ergibt sich: Warum betont der Talmud in so außerordentlich starken Worten das Verdienst der Tugend, die derjenige sein eigen nennen darf, der sich mit der Tora beschäftigt? Ist denn das Tora-Studium nicht, ganz einfach, die elementare Pflicht jedes Juden? War es nicht gerade diese Aufgabe, die jeder von uns am Sinai auf sich nahm und zu tun gelobte?

Die Antwort ist, dass das Geheimnis in einem besonderen Worte liegt, nämlich in dem Ausdruck "sich beschäftigt". In der Tat ist das Tora-Studium die Pflicht jedes einzelnen, aber ein besonderes Verdienst kommt demjenigen zu, der sich so mit dem Lernen der Tora – wie auch mit Wohltätigkeit und mit dem Gebet – abgibt, wie es ein Geschäftsmann mit seinen Geschäften zu tun pflegt.

Ein bezahlter Angestellter oder Arbeiter schaut im Laufe der Schicht öfters einmal auf die Uhr. Wenn seine Arbeitszeit zu Ende ist, dann geht er nach Hause, und damit hat er sofort alle Angelegenheiten seiner Beschäftigung, alle möglichen Arbeitssorgen hinter sich gelassen. Ein Geschäftsinhaber jedoch kann dies nicht tun. Auch nachdem er nach Hause gekommen ist, und wenn er beim Abendessen sitzt und wie jeder andere isst und trinkt, bedarf es nur eines Blickes auf sein Gesicht, auf seine Miene und die Nachdenklichkeit seiner Augen, um einzusehen, dass ihn auch jetzt noch die geschäftlichen Dinge sehr in Anspruch nehmen. Auch wenn die Geschäfte als solche gut gehen, sucht der Geschäftsmann doch stets nach Mitteln und Wegen, um sie noch weiter auszudehnen. Sogar wenn er schließlich zu Bett geht, finden oft die Gedanken, die ihn während des Tages verfolgt haben, ihren Niederschlag in seinen Träumen; und sie konzentrieren sich vielfach ganz auf sein Geschäft.

Der Talmud aber sagt: "Wer immer sich mit Tora und Wohltätigkeit beschäftigt ..."

Der Schiur vom frühen Morgen, die Unterrichtsstunde in Tora mag vorüber sein, Tora aber ist sein Geschäft, und er kann es niemals völlig beiseite legen. Er kann sehr wohl dem Anschein geben, dass er seine Mahlzeiten wie jeder andere einnimmt, sein Kopf aber ist immer noch voll von der schwierigen Tora-Stelle, die er vorher studiert hat. Seine Pflicht, wohltätige Spenden zu geben, mag er bereits erfüllt haben, dadurch dass er den verbindlichen Mindestbetrag von einem Zehntel seines Einkommens dafür gezahlt hat; aber Wohltätigkeit ist sein Geschäft. Daher hält er weiterhin und dauernd Ausschau nach Leuten, denen er einen Gefallen tun oder finanzielle Hilfe angedeihen lassen kann. Es ist mit solchen Gedanken, dass er sich schlafen legt, und so kreisen auch seine Träume um diese Vorstellungen.

Wenn jemand sich so zu einem "Tora-Geschäftsmann" macht, dann hat er direkt bei G-tt so viel Verdienst erworben, als habe er selbst die Schechina (G-ttes Allgegenwart) – wie unsere Talmud-Stelle es besagt – aus dem Exil befreit.

Und warum akzeptieren die Juden eben diese Tora? Sie akzeptieren die Tora aus dem wesentlichen Grunde, dass sie von G-tt gegeben worden ist, nicht aber von Menschenhand; und sie wurde in der Anwesenheit von Millionen von Menschen verkündet, die alle diese Tatsache mit ihren eigenen Augen gesehen und ihren Ohren gehört haben. Weil G-tt absolut ist, deshalb ist die Tora die absolute Wahrheit.