Rabbi Jisrael von Rischin, ein chassidischer Rebbe der Ukraine, lebte zur Zeit des Zaren Nikolaus. Damals hatten die Chassidim Feinde, die sich nicht scheuten, sie bei der russischen Regierung anzuschwärzen. Und wenn der Zar hörte, ein chassidischer Rebbe sei unloyal, nahm er diese Anklage ernst. Einmal hörte der Zar, der Rischiner Rebbe erkenne seine Autorität nicht an und verachte ihn sogar. Deshalb beauftragte er einen Geheimagenten mit Ermittlungen.

Ein hochrangiger Berater am Zarenhof war ein abtrünniger Jude, der sich gerne als Spion zur Verfügung stellte. Getarnt als erfolgreicher Geschäftsmann reiste er nach Rischin. Er ging in die Studienhalle und bewirtete alle mit Getränken und Erfrischungen. Nachdem jeder einige „Lchaims“ genossen hatte, begann er zu klagen, sein Geschäft leide unter der unfähigen Regierung. Er sah sich um und wartete auf Zustimmung. Doch niemand sagte ein Wort. So machte der Spion mehrere Tage lang weiter; dennoch beteiligte sich niemand an seinen Angriffen gegen den Zaren. Als er schließlich den Rebbe zu einer Privataudienz aufsuchte, jammerte er erneut darüber, dass die Regierung ungerecht sei. Der Rischiner Rebbe sah den Besucher durchdringend an und erzählte ihm die folgende Geschichte:

Ein jüdischer Gastwirt lebte in einer Kleinstadt, weit von anderen jüdischen Familien entfernt. Da sein Sohn Josef keine jüdischen Freunde in der Nähe hatte, spielte er mit dem Sohn eines Arbeiters. Der Vater stellte einen Lehrer ein, der ihn Hebräisch, Beten und die Torah lehrte. Stefan, der Sohn des Arbeiters, hörte dabei zu. Der Unterricht interessierte Stefan so sehr, dass er nie fehlte. Als Josef alt genug war, um zu heiraten, ließ sein Vater einen Heiratsvermittler kommen. Stefan war die ganze Zeit dabei. Als der Heiratsvermittler Josef Fragen über das Judentum stellte, wusste Stefan die Antwort immer als Erster. Das gefiel dem Wirt nicht, und er beschloss, Josef von Stefan zu trennen. Er sah keinen anderen Weg, als seinen Arbeiter zu entlassen. Der protestierte und sagte, sein Sohn sei alt genug, um wegzugehen. Damit war der Wirt einverstanden.

Stefan ging auf Reisen und gab vor, ein jüdischer Waise zu sein, da er wusste, dass gütige Juden ihm dann helfen würden. Immer wenn er in eine neue Stadt kam, ging er in die Studienhalle, nahm einen Talmud und begann zu lesen. So wurde der „Waise“ unweigerlich zum Essen eingeladen. Viele Jahre vergingen. Eines Tages kam Stefan in eine große Stadt, wo große Aufregung herrschte. Dort war es Brauch, alle drei Jahre einen neuen König zu wählen, der ein Fremder sein musste. Dieser, so dachten die Einwohner, werde niemanden bevorzugen, sondern alle gerecht behandeln. Stefan eilte in den Palast, bewarb sich, bestand alle Prüfungen und wurde zum neuen König gekrönt. Bald danach erließ er strenge Dekrete gegen die Juden, und eines Tages befahl er ihnen, das Königreich innerhalb von zwölf Monaten zu verlassen.

Der Oberrabbiner ordnete an, alle sollten fasten und in den Synagogen gemeinsam beten. Am vierten Tag rief er die führenden Gemeindemitglieder zu sich und sagte, ein Traum habe ihm offenbart, in einem fernen Land lebe ein junger Gastwirt, der als Einziger den König umstimmen könne. Alle waren erstaunt, denn jeder von ihnen hatte den gleichen Traum gehabt! Sie fanden den Wirt, und er war bereit, mit ihnen zu gehen und ihnen zu helfen, so gut er konnte.

Die jüdische Delegation und der Wirt traten vor den König. Als dieser den Wirt sah, umarmte er ihn. „Erinnerst du dich an mich, Josef?“, fragte er ihn und fügte kichernd hinzu: „Ich bin dein alter Freund Stefan. Schau, was aus mir geworden ist, nachdem ich gezwungen wurde, dein Haus zu verlassen! Nun, was kann ich für dich tun?“

Josef bat den König, die Juden in der Stadt leben zu lassen.

„Glaub mir“, sagte Stefan, „ich habe nichts gegen die Juden. Es sind gute Menschen und treue Bürger. Aber manchmal überfällt mich der Drang, sie zu verfolgen. Ich weiß nicht, warum.“

Der Oberrabbiner erklärte es ihm: „Unsere Torah lehrt, dass die Herzen der Könige und Fürsten in G–ttes Hand sind. So wie sie die Juden behandeln, verhalten diese sich gegenüber G–tt. Darum beten die Juden nie für einen neuen König. Sie können nie sicher sein, dass der neue König besser ist als der alte.“

Nun schaute der Rischiner Rebbe dem Gast in die Augen und sagte: „Geh und sag denen, die dich geschickt haben, dass die Behauptung, die Juden seien dem Zaren nicht treu, unwahr ist. Juden sind immer loyale Bürger, und sie beten für das Wohl der Herrscher und des Landes, in dem sie leben.“