Das Fliegen heute hat mit dem, was es vor einigen Jahren war, nichts mehr zu tun. Es scheint, als würde jeden Tag eine neue Sicherheitsmaßnahme eingeführt. Zuerst musste man beim Sicherheitscheck die Schuhe ausziehen, dann den Gürtel. Laptops müssen aus den Taschen genommen werden, und Pflanzen jeglicher Art dürfen auf keinen Fall über die Grenze gebracht werden.
Dann sind da noch die Gebühren, die mit dem Reisen verbunden sind. Da sind natürlich die üblichen Landes- und Bundessteuern, aber dazu kommen noch der Treibstoffzuschlag, die 9/11-Steuer und ein paar andere versteckte US-Dollar, die irgendwie zum Gesamtpreis des Flugtickets hinzugerechnet werden. Und es gibt noch weitere Änderungen. Eine der nervigsten: die Gepäckbestimmungen.
Vor nicht allzu langer Zeit durfte man auf jedem Flug noch zwei Gepäckstücke mit einem Gewicht von jeweils über 70 lbs (ca. 32kg) mitnehmen. Heutzutage kann man von Glück sagen, wenn man einen Koffer mit an Bord nehmen darf, ohne dafür bezahlen zu müssen. Stellen Sie sich vor . . . dass man bezahlen muss, um seine Habseligkeiten mit ins Flugzeug zu nehmen . . . einfach unglaublich.
Sobald man für sein Gepäck bezahlt hat, besteht immer die Sorge, dass es zu schwer sein könnte. Dann hat man zwei Möglichkeiten: Entweder lässt man einen Teil seiner wertvollen Habseligkeiten direkt am Check-in-Schalter zurück und zahlt die astronomischen Kosten von 20 Dollar für jede Unze, die über dem Limit liegt. Das mag eine leichte Übertreibung sein, aber mal ganz im Ernst: Was macht es schon aus, wenn das Gepäck 2 Pfund mehr wiegt, als es sollte? Oft hat die Person vor einem ohnehin nur die Hälfte ihres Freigepäcks ausgeschöpft – könnte man dann nicht einen Teil des Gewichts nutzen, das sie nicht verbraucht hat? Im Flugzeug ist doch Platz genug, warum also diese undurchsichtigen Regeln?
Vielleicht lässt sich aus den strengen Vorschriften rund um die Gewichtsbeschränkungen für Gepäck etwas lernen.
Im Leben tragen wir alle einen Koffer mit uns herum, in den wir verschiedene Teile unseres Lebens packen. Eines nach dem anderen legen wir in unser Gepäck: Kindheitserinnerungen, positive Erfahrungen, negative Begegnungen, glückliche Anlässe, stressige Momente, freudige Feste, schwierige Herausforderungen und vieles mehr.
Auf unserer Reise nehmen wir diesen Koffer mit, und je mehr wir hineinpacken, desto schwerer wird er. Manchmal kann er so schwer werden, dass wir ihn einfach nicht mehr tragen können. Das verleiht dem Sprichwort „Groll mit sich herumtragen“ seine wahre Bedeutung. Je mehr man mit sich trägt, desto mehr wird man davon belastet und gebremst. Genau wie am Flughafen gibt es eine Grenze dafür, wie viel wir mitnehmen dürfen. Dann müssen wir den Grund für unsere Reise neu überdenken, unser endgültiges Ziel ins Auge fassen, unsere Habseligkeiten sortieren und entscheiden, welche Dinge wir wirklich mitnehmen wollen und an welchen wir nicht länger festhalten müssen.
Alles in unserem Leben hat seinen Zweck, seine Zeit, seinen Platz. Selbst schwierige Phasen sind eine Chance für uns, uns zu formen und unseren Charakter zu entwickeln. Wie sieht es mit den bitteren Momenten aus? Wenn wir Grund haben, verletzt oder wütend auf einen anderen zu sein? Wir denken uns: So können sie mich doch nicht behandeln! Welches Recht haben sie dazu? Vielleicht beschließen wir sogar, keinen Kontakt mehr zu dieser Person zu haben!
Aber wo bleiben wir und unser Koffer dabei? Ermöglicht uns das, leichter zu reisen, oder bremst es uns aus?
In der Wochenlesung „Tezawe“ wird Mosches Name kein einziges Mal erwähnt. Warum ist das so? Nachdem das Volk Israel durch die Anfertigung des goldenen Kalbs gesündigt hatte, hatte G‑tt gesagt, dass Er das gesamte Volk auslöschen werde. Mosche trat jedoch vor G‑tt und setzte sein eigenes Leben aufs Spiel, um das jüdische Volk zu retten, indem er sagte, wenn G‑tt nicht vergeben würde, solle Er ihn (Mosche) aus Seinem Buch (der Tora) streichen. Alles, was ein Gerechter sagt, hallt im Himmel wider und muss in der einen oder anderen Form wahr werden. Obwohl G‑tt Israel tatsächlich vergab, hatte Er daher keine andere Wahl, als Mosches Namen aus der Tora zu streichen, und Er tat dies in dem Wochenabschnitt dieser Woche.
Warum sollte G‑tt den Juden vergeben? Wenn G‑tt es gewollt hätte, hätte Er aus Mosche ein neues Volk erschaffen können, das den Juden weit überlegen gewesen wäre. Tatsächlich könnte G‑tt, wenn Er wollte, ein Volk aus Menschen erschaffen, die niemals Fehler begingen und in jeder Hinsicht vollkommen wären.
Dies ist jedoch nicht der Zweck der Schöpfung und entspricht nicht G‑tts Absicht. G‑tt möchte, dass die Juden über freie Wahl verfügen, die sie nutzen können, um in dieser Welt einen Ort der Heiligkeit zu schaffen. Doch mit der freien Wahl geht auch die Möglichkeit einher, Fehler zu begehen. Tatsächlich ist es gerade unsere Fähigkeit, Fehler zu machen und uns davon zu erholen, die uns perfekt für die Aufgabe macht, die G‑tt uns gegeben hat!
So fand G‑tt es in sich, den Juden zu vergeben. Und das kann eine äußerst tiefgreifende Lektion für uns sein. Wenn jemand etwas tut, das uns verärgert, sollten wir diese Erfahrung nicht festhalten und in unseren Koffer packen, um sie mitzunehmen, sondern sie beiseite legen und hinter uns lassen. Das mächtigste Werkzeug, das wir besitzen, ist die Fähigkeit zu vergeben – nicht nur anderen, sondern auch uns selbst.
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