Ein Grundprinzip des jüdischen Glaubens ist, dass G‑tt uns belohnt, wenn wir Seine Gebote befolgen. Die Tora-Lesung dieser Woche, Ki Teze,1 sagt uns, dass G‑tt „dir Gutes tun und dir ein langes Leben schenken wird“, wenn wir eines der Gebote befolgen. Aber funktioniert das immer so?

Das betreffende Gebot ist das Gesetz, die Muttervogel wegzuschicken, wenn man Eier aus ihrem Nest nimmt.2 Wir dürfen die Eier für unseren eigenen Gebrauch nehmen, aber anstatt der Muttervogel Schmerzen zuzufügen, indem wir sie vor ihren Augen wegnehmen, sind wir geboten, sie fortzuschicken.3

„Ehre deinen Vater und deine Mutter“ ist ein weiteres Gebot in der Tora, von dem uns gesagt wird, dass wir durch seine Einhaltung mit einem langen Leben belohnt werden.4

Der Talmud berichtet jedoch von einem Fall, in dem jemand beide Gebote gleichzeitig befolgte und statt belohnt zu werden, ins Unglück stürzte. Ein Vater sagte seinem Sohn, er solle auf einen Baum oder ein Gebäude klettern und Eier aus einem Nest holen. Der Sohn tat dies und befolgte auch den Befehl, die Mutter der Vögel wegzuschicken. Der Junge fiel jedoch herunter und kam ums Leben.

Dieses Ereignis wurde von Elischa ben Awuja beobachtet, einem Gelehrten, der nach der Zerstörung des Tempels lebte. Er war entsetzt, und diese Erfahrung sowie andere Faktoren5 führten dazu, dass er sich von der jüdischen Glaubensausübung abwandte.

Elischas Töchter wurden von der Gemeinde versorgt, und sein Enkel Rabbi Jakob wurde ein bekannter Gelehrter. Auch er wurde Zeuge eines ähnlichen Ereignisses. Seine Reaktion war jedoch eine ganz andere. Er sagte: „Wo ist das lange Leben dieses Menschen, und wo ist das Gute, das ihm versprochen wurde? In der kommenden Welt.“ Er interpretierte die Tragödie in dieser Welt als Zeichen dafür, wie wichtig der Glaube an die kommende Welt und die Auferstehung der Toten ist. Dort erhalten wir die Belohnung für unseren G-ttesdienst, nicht in dieser Welt.6

Aber die Tora sagt uns an vielen Stellen, dass, wenn wir ihre Gesetze befolgen, dann, wie es im zweiten Absatz des Schma steht: „Ich werde dir Regen geben zu seiner Zeit. und du wirst deine Ernte einbringen.“7 Sagt uns das nicht, dass wir in dieser Welt eine Belohnung erwarten sollten?

Eine Möglichkeit, dies zu verstehen, besteht darin, den Unterschied zwischen physischen Vorteilen und einer Belohnung zu erkennen. G‑tt gewährt jedem Menschen die Mittel, um die Tora zu halten, so wie ein Herr seinem Diener die Werkzeuge gibt, mit denen er seine Arbeit verrichten kann. Frieden, gute Gesundheit und materieller Komfort helfen beim Studium und der Einhaltung der Tora und bei der Aufrechterhaltung eines jüdischen Lebensstils. Manchmal möchte G‑tt jedoch, dass der Mensch die Tora auch angesichts großer Schwierigkeiten und Unterdrückung befolgt, um eine tiefere Hingabe zum Judentum zu erreichen. Warum sollte gerade dieser Mensch für diese gewaltige Aufgabe ausgewählt werden? Wir wissen es nicht. Warum sollte die Seele dieses Menschen gerade in diesem Moment die Welt verlassen? Wir kennen den g-ttlichen Plan nicht und wissen nicht, was jeder Mensch im Leben erreichen soll und wie und wann.

In dieser Phase der Geschichte bleibt das, was in dieser endlichen und verwirrenden Welt geschieht, oft ein Rätsel. Im Gegensatz dazu ist die Belohnung für unsere Bemühungen unbegrenzt: Sie lässt sich nicht in die Grenzen unserer physischen Welt pressen. Die Belohnung für die Gebote und für den Schmerz und die Selbstaufopferung für das Judentum liegt in der kommenden Welt.8 Dort offenbart sich der Seele die unendliche Strahlkraft des G-ttlichen mit grenzenloser Freude.