Wajigasch
Lieber Leser,
in der dieswöchigen Sidra Wajigasch wird erzählt, wie Josef sich seinen Brüdern zu erkennen gab und so sich mit ihnen wieder vereinte (Genesis 45, 3). Vorige Woche hatten wir gelesen (Genesis 42, 8): "Josef erkannte seine Brüder, sie aber erkannten ihn nicht. Das heißt, dass die Brüder Josef eine ganze Zeitlang nicht erkannten; und die Frage muss gestellt werden, wie so etwas möglich und zu verstehen ist.
Die einfache Erklärung hierfür ist, dass viele Jahre verflossen waren, seitdem sie ihn zuletzt gesehen hatten. Sie hatten ihn als einen bartlosen Jüngling in Erinnerung, und jetzt war er ein erwachsener Mann mit einem Vollbart (Raschi z. St.).
Der Chassidismus hat noch eine andere Erklärung für den soeben zitierten Vers: "Josef erkannte seine Brüder, sie aber erkannten ihn nicht", und zwar diese: Jakobs Söhne waren alle Hirten; und dies war eine ruhige, friedliche Beschäftigung. Draußen auf Feld und Wiese, beim Weiden ihrer Herden, waren sie kaum in Kontakt mit dem normalen gesellschaftlichen Leben des Landes; nichts störte sie in ihrem G-ttesdienst und ihrem Lernen. Josefs Brüder waren nämlich nur darauf bedacht, in einer Umgebung zu leben, in der sie keiner Versuchung ausgesetzt waren.
Josef dagegen stand in dieser Hinsicht auf einer höheren Stufe als sie. Er war befähigt, den höchsten Verwaltungsposten im mächtigsten Reiche seiner Zeit zu bekleiden und dennoch rechtschaffen zu bleiben.
So "erkannten" die Brüder nicht – dass heißt: sie konnten einfach nicht erfassen –, dass der Vizekönig von Ägypten wirklich derselbe G-ttesfürchtige Josef sein könnte, den sie einst gekannt hatten, stand doch eine derartige Lebensweise völlig über ihrem Niveau.
Schabbat Schalom
In den einführenden Worten zur Sidra Wajeschew, vor zwei Wochen, haben wir Josef in unseren Gedanken bis ins Gefängnis begleitet. Schliesslich jedoch gingen die Jahre seiner Knechtschaft zu Ende.
Der Name des neuen Wochenabschnitts, Wajigasch, bedeutet “und er kam näher”. Er betont den Zusammenhang zwischen der Botschaft und der Art und Weise, wie sie übermittelt wird.
Wir alle werden manchmal ungerecht behandelt. Dann sind Wut und Rachegefühle zwar natürliche, aber auch negative und oft zerstörerische Reaktionen. Und im Gegensatz zu Josef sehen wir oft nicht die positiven Folgen der Ungerechtigkeit.
Die von der Tora angegebene Anzahl von jüdischen Seelen, die in Ägypten einzogen, beträgt siebzig. In der vorangehenden Einzelaufzählung finden wir jedoch nur neunundsechzig Seelen genannt. Gemäß Rabbi Chama Bar Chanina war die fehlende siebzigste Seele die von Jochewed, die an der Grenze zu Ägypten geboren wurde.
Es gibt eine Vielzahl archäologischer Funde, die beweisen, dass die Juden im alten Ägypten waren.
Ok, so war ich eben ein wenig zu laut, als ich meine Tochter anschrie. Ok, vielleicht war das Ausmass meiner Wut etwas übertrieben. Aber ich musste es ihr doch zeigen, nicht wahr?