IV. In Bezug auf den Grundsatz, dass „alles zum Guten ist“, gibt es in den Lehren unserer Weisen zwei verschiedene Ausdrücke: 1) „Was immer der Allbarmherzige tut – Er tut es zum Guten“1 und 2) „Gam su letowa – Auch dies ist zum Guten.“2

Diese beiden Ausdrücke unterscheiden sich dadurch, dass der erste („Was immer der Allbarmherzige tut – Er tut es zum Guten“) auf Aramäisch verfasst ist, während der zweite („Auch dies ist zum Guten“) in Hebräisch geschrieben ist. Hebräisch ist eine Sprache, die heilig und klar ist. Daher ist alles, was in der heiligen Sprache gesagt wird, klar, d. h., man kann deutlich sehen, dass alles gut ist. Was den aramäischen Ausdruck betrifft, so heißt es auch dort: „Er tut es zum Guten“, aber es wird nicht so deutlich empfunden.3

Diese Unterscheidung wird verständlich, wenn man den Unterschied zwischen den Beispielen beachtet, für die die Gemara diese beiden Ausdrücke anführt.

Der aramäische Ausdruck erscheint in folgendem Zusammenhang: Rabbi Akiwa ging auf eine Reise und nahm eine Lampe, einen Esel und einen Hahn mit.

[Wenn man heutzutage reist, nimmt man verschiedene Dinge mit: ein Scheckbuch, eine Zahnbürste und so weiter. Damals aber nahm man eine Lampe mit, um auch im Dunkeln die Tora studieren zu können; einen Esel, um all seine materiellen Besitztümer zu tragen und sich so davon frei zu machen; und einen Hahn, um sich um Mitternacht wecken zu lassen ...]

Als Rabbi Akiwa in eine bestimmte Stadt kam und eine Unterkunft suchte, ließ G-tt es geschehen, dass er überall abgewiesen wurde, so dass er die Nacht auf einem Feld verbringen musste. Dann blies ein Wind seine Lampe aus und ließ ihn in der Dunkelheit zurück. Ein Löwe fraß seinen Esel, und ein Wiesel fraß seinen Hahn. Rabbi Akiwa antwortete auf diese Unglücke mit den Worten: „Was immer der Allbarmherzige tut – Er tut es zum Guten.“

Später wurde deutlich, dass all diese Ereignisse tatsächlich zum Guten waren. Denn in jener Nacht wurde die Stadt von Räubern überfallen und ausgeraubt. Hätte Rabbi Akiwa die Nacht dort verbracht, wäre auch er in die Fänge der Räuber geraten; und wenn seine Lampe in der Nacht gebrannt hätte und sein Esel und sein Hahn irgendwelche Geräusche von sich gegeben hätten, hätten die Räuber seinen Aufenthaltsort auf dem Feld entdeckt. All diese Verluste haben ihn also gerettet.

V. Der hebräische Ausdruck erscheint im Zusammenhang mit einer Begebenheit mit dem tannaitischen Lehrer namens Nachum, „Isch Gam-Su – der Mann von Gam-Su.“ Er wurde Isch Gam-Su genannt, weil er auf alles, was ihm widerfuhr, mit den Worten „Gam su letowa – Auch dies ist zum Guten“ reagierte.

Nachum Isch Gam-Su wurde einst mit einer Kiste voller Edelsteine als Geschenk für den Kaiser auf eine Mission zum Kaiser von Rom geschickt. Eines Nachts stahlen Räuber diese Edelsteine und ersetzten sie durch Erde. Als er dies am nächsten Morgen entdeckte, sagte er „Gam su letowa.“ Er war fest entschlossen, seine Mission als Abgesandter des jüdischen Volkes beim Kaiser fortzusetzen, im vollen Vertrauen darauf, dass der Allmächtige sicher helfen wird.

Als er in Rom ankam, überreichte er dem Kaiser die Kiste. Als man feststellte, dass die Kiste nur Erde enthielt, beschloss man, ihn so zu bestrafen, wie es sich für jemanden gehört, der den Kaiser verspottet und sich gegen ihn auflehnt. G-tt schickte jedoch den Propheten Elijahu in der Gestalt eines ihrer Fürsten, und er schlug dem Kaiser vor, dass dies vielleicht etwas von der besonderen Erde Awrahams sein könnte, die er benutzte, um im Krieg siegreich zu sein.4 Da es immer wieder Kriege zwischen den Völkern gibt, gab es eine unmittelbare Gelegenheit, dies auf die Probe zu stellen, und tatsächlich half diese Erde ihnen, Feinde des Kaisers zu besiegen.

VI. Es gibt einen klaren Unterschied zwischen diesen beiden Ereignissen:

Rabbi Akiwa erlebte tatsächlich einen Verlust und Leid. Er verlor seinen Esel und seinen Hahn, blieb in der Dunkelheit und musste die Nacht auf einem offenen Feld verbringen. All dies war zwar ein Mittel zum Zweck, aber dennoch eine schmerzhafte Erfahrung.

Im Fall von Nachum Isch Gam-Su gab es überhaupt keinen Verlust. In der Tat war nicht sicher, dass der Kaiser, dem es kaum an Edelsteinen mangelte, ein Geschenk mit Edelsteinen zu schätzen gewusst hätte.5 Die Erde, die er mit brachte, wurde jedoch mit Sicherheit geschätzt.

Rabbi Akiwa machte eine schmerzhafte Erfahrung, die ihn aber vor Schlimmerem bewahrte. Bei Nachum Isch Gam-Su war die Erfahrung selbst gut.

VII. Diese Unterscheidung zeigt den Vorteil des Ausdrucks „Auch dies ist zum Guten“ gegenüber „Was immer der Allbarmherzige tut – Er tut es zum Guten.“ Ersteres impliziert, dass „Dies“ – das Ereignis selbst6 – „gut ist.“ Es war nicht nur ein Mittel zum Guten, sondern es war selbst gut. Gewiss, zuerst gab es einen Zustand des Verbergens, die Augen waren sozusagen geschlossen, was zu Gedanken an Verlust und Qual führte. Wenn das Verbergen jedoch aufgehoben ist, sieht man, dass alles von Anfang an gut war.

Nachum Isch Gam-Su war ein Lehrer von Rabbi Akiwa.7 Das bedeutet, dass Rabbi Akiwa aus der nächsten Generation stammte, als die Dunkelheit der Galut noch intensiver war (denn diese Dunkelheit wird mit jeder Generation intensiver). In dieser späteren Generation konnte man daher das allem innewohnende Gute nicht auf offensichtliche Weise sehen.

Man kann die letztendliche Wahrheit, dass alles wirklich gut ist, voll und ganz erkennen, aber sie ist nicht auf der Ebene der Art und Weise manifest, wie die Dinge in der Realität unserer physischen Welt erlebt werden. Auf der weltlichen Ebene ist man sich nur der Tatsache bewusst, dass alles, was der Allbarmherzige tut, zum Guten ist.8 Im Fall von Nachum Isch Gam-Su und seiner Generation, die eine Generation näher an (oder zeitgleich mit) der Zeit des Bet haMikdasch war, war man jedoch in der Lage, den Aspekt des „Auch dies ist zum Guten“ sogar innerhalb der weltlichen Realität zu offenbaren.

Wir nähern uns jetzt der Zeit der Ge-ula, der Zeit, in der „die, die Ihn lieben, sein werden wie die Sonne, die in ihrer Kraft aufgeht“9, wenn „der Heilige, gesegnet sei Er, die Sonne aus ihrer Hülle herausnehmen wird“10 und man in allem auf offensichtliche Weise sehen wird: „Auch dies ist zum Guten.“ Es ist die Zeit, in der „Hawaja ... Sonne“ aus Seiner früheren „Hülle“ enthüllt wird,11 wenn man sagen wird: „Dies ist der Ewige, auf den wir gehofft haben ...“12

(Adaptiert aus einer Sicha gehalten am 20. Menachem Aw 5711)