XII. Alle Rebbes, die Führer Israels, bis zum Rebben, meinem Schwiegervater, sind im Grunde eine Einheit, und jeder von ihnen war in alles einbezogen. Dies wird in dem hebräischen Begriff für die Nachfolge deutlich: „den Platz seiner Väter ausfüllen“, d. h., in seiner Nachfolge füllt er den Platz in jeder Hinsicht aus.
Dennoch hatte jeder Rebbe ein besonderes Interesse, auf das er sich konzentrierte und mit dessen Hilfe er auch alle anderen Angelegenheiten erledigte.
Dies ist die Bedeutung des talmudischen Ausdrucks „Worauf hat dein Vater mehr geachtet?“1, wie in Iggeret haKodesch2 erklärt: Obwohl er alle Mizwot befolgte, hatte er ein besonderes Interesse, das das Tor seiner Seele darstellte; und durch dieses Tor stiegen alle seine Tora und Mizwot auf.3
Dies entspricht auch der Erklärung meines Schwiegervaters zu den Unterschieden zwischen den Rebbes in Bezug auf die Sefirot: Der Baal Schem Tow und der Maggid entsprechen der Sefira Keter, der Alte Rebbe der Sefira Chochma, der Mittlere Rebbe der Sefira Bina usw.4 Wie bekannt, setzt sich jede Sefira aus allen anderen Sefirot zusammen, aber nur in dem Maße, wie sie in diese spezifische Sefira eingehen oder in ihr ausstrahlen.5 So ist es auch mit den Rebbes. Durch das einzigartige Interesse, das jeder Rebbe in seiner Generation manifestiert (entsprechend der Sefira, die mit ihm verbunden ist), verbindet er auch alle anderen Aspekte.
XIII. Das besondere Interesse des Rebben, meines Schwiegervaters, des Baal haHilula,6 bestand darin, dass alles tatsächlich verwirklicht wird, und zwar so weit, wie maximal möglich.
Der Rebbe ließ sich nie durch den Zustand einer anderen Person einschüchtern, egal ob diese Person ganz fromm oder nur durchschnittlich war, oder sogar von der Sorte, bei der die Torheit der tierischen Seele die Wahrheit bis zu dem Punkt verbirgt, an dem man sich nicht bewusst ist, dass man eine Teschuwa benötigt. Der Rebbe kümmerte sich um andere, unabhängig von ihrem Status, und versorgte sie oft mit materieller Hilfe, was an sich auch eine spirituelle Wohltat wäre.
Denn wenn jemand weiß, dass er der Empfänger einer materiellen Gunst ist, entsteht eine Situation, in der „niemand in Gegenwart seines Gläubigers oder Wohltäters unverschämt ist“7, sodass er auch auf geistiger Ebene berührt ist.
Abgesehen von der Tatsache, dass man, wie der Alte Rebbe im Tanja8, sagt, „das Verdienst des Gebots der Nächstenliebe nicht verwirkt hat“, bewirkt man auch, dass der andere mit der Teschuwa zurückkehrt, um so zu werden, wie er sein sollte.9
XIV. Dieser Ansatz des Rebben leitet sich vom ersten Oberhaupt und Hirten Israels, Mosche, ab. Die Heilige Schrift sagt: „Das sind die Worte, die Mosche geredet hat“, d. h. Worte der Zurechtweisung.10 Wann war das? „Nachdem er Sichon geschlagen hatte …“ Die Zurechtweisung sollte nach der Erbringung einer materiellen Leistung erfolgen, denn dann wird sie angenommen und bringt die gewünschte Wirkung.11
Dies ist eine Lektion für „die Ausstrahlung von Mosche, die sich in jeder Generation verbreitet“,12 für den Mosche jeder Generation.13 Zuallererst muss man Freundlichkeit, Segen und Erfolg aussprechen, und erst danach Tadel. Diese Reihenfolge muss auch dann eingehalten werden, wenn es bei der Zurechtweisung um etwas wie das goldene Kalb geht, d. h., um etwas, das die eigentliche Antinomie (unvereinbarer Gegensatz) unseres Glaubens ist.14
XV. Der Rebbe, der Baal haHilula, wurde einmal danach gefragt, wie er sich mit allen Juden anfreunden könne, auch mit solchen, die das Gegenteil von denen sind, „die heraufgezogen und nicht hinabgestoßen werden sollen.“15
Der Rebbe antwortete: „Der Schulchan Aruch besteht aus vier Teilen: Orach Chajim, Jore Dea, Ewen haEser und Choschen Mischpat. Die Gesetze, die sich mit Fragen des ‚Heraufziehens‘ befassen, erscheinen im Choschen Mischpat, dem letzten Teil des Schulchan Aruch, und dort selbst in den allerletzten Abschnitten.“
„Die Lernfolge ist in der genannten Reihenfolge: alle Abschnitte von Orach Chajim, Jore Dea und Ewen haEser, und dann fast das gesamte Choschen Mischpat, bis man zu den letzten Abschnitten kommt. Erst dann erfährt man, ob man heraufziehen soll oder, G-tt bewahre, nicht.“
XVI. Die tiefere Bedeutung dieser Aussage ist folgende:
Einem anderen Juden einen Gefallen zu tun, ist sicherlich eine Mizwa. Einem Juden einen Schaden zuzufügen und zu behaupten, dass diese Handlung im Einklang mit der Tora steht, dürfte jedoch sehr wohl auf einer falschen Auslegung des Gesetzes beruhen. Es ist auch möglich, dass Hintergedanken im Spiel sind. Außerdem kann es sein, dass er den anderen nicht deshalb bestraft, weil der Schulchan Aruch es verlangt, sondern einfach, weil es ihm Spaß macht, ihn zu bestrafen.16
Ein Richter muss notwendigerweise ein mitfühlender Mensch sein,17 der in der Lage ist, das Verdienst des anderen zu sehen. Selbst wenn er den Angeklagten zu einer Auspeitschung oder einer schwereren Strafe verurteilen muss, kann er das Urteil nicht persönlich vollstrecken – auch wenn es mit dem Schulchan Aruch übereinstimmt – weil er das Leid des anderen nicht ertragen kann. Die Strafe wird daher von einem Vertreter des Gerichts vollstreckt.
Eine Ausnahme wäre der Fall eines vollkommenen Zaddiks wie des Propheten Schmuel: Da er frei von persönlichen Motiven und ein reines Instrument zur Ausführung des G-ttlichen Willens war, konnte er selbst Agag hinrichten.18
XVII. Chassidim versuchen, den Wegen ihres Rebben zu folgen. Daher müssen wir wissen: Wir müssen uns vor denen, die auf einer niedrigeren Stufe stehen, hüten, damit sie uns nicht, G-tt bewahre, auf ihre Stufe herabziehen. Dennoch dürfen wir sie nicht abweisen, sondern müssen sie erheben, ihnen Gefälligkeiten erweisen, auch materielle, und das wird letztlich auch zu einer geistigen Wohltat führen.
Wer dieses Verfahren befolgt, dem wird von Oben geholfen, den richtigen Weg einzuschlagen, wie unsere Weisen zu dem Vers „Der Ewige erhellt die Augen beider“ sagen.19 Er wird reichlich gesegnet werden mit allem, was er für sich und seinen Haushalt braucht. Das unendliche Attribut der Himmlischen Chessed wird sich auf ihn erstrecken, und er wird auch mit einem Gefäß ausgestattet sein – wie Chassidut interpretiert: „Und Er jechalkelecha (wird dich am Leben erhalten)“20, wozu auch die Gewährung eines Keli (Gefäß) gehört, um die G-ttliche Fülle aufzunehmen.
(Adaptiert aus einer Sicha gehalten an Jud Schewat 5714)
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