IV. Die Tora erzählt die Geschichte von Pinchas, der sich eifernd für die Sache des Allmächtigen einsetzte.

„Eine Lernstunde kann nicht ohne eine neue Einsicht vorübergehen.“1 Das sagt man von der Tora Schebe-al Pe, der mündlichen Tora. Umso mehr gilt dies für die Tora Schebichtaw, die geschriebene Tora, von der wir aus einzelnen Buchstaben vollständige Gesetze ableiten.2 Es besteht also kein Zweifel daran, dass eine ganze Geschichte3 wie die Geschichte von Pinchas einige neue Lehren enthalten muss.

Die neuen Lehren dieser Erzählung sind die Regelungen „Eiferer dürfen ihn niederstoßen“4 und „So ist das Gesetz, aber es wird nicht verkündet.“5 Das bedeutet, dass es Fälle gibt, in denen man sich beim Bet Din (Gericht) erkundigt, was in bestimmten Situationen zu tun ist, und sie keine Anweisungen geben, weil dies das Urteil des Schulchan Aruch (Kodex des jüdischen Rechts) ist.6 Derselbe Kodex sagt jedoch auch: „Eiferer dürfen ihn niederstoßen!“ Mit anderen Worten: Wenn jemand nicht das Bet Din befragt, sondern aus eigenem Antrieb handelt, weil er sich von seinem Innersten leiten lässt, hat er richtig gehandelt (denn „So ist das Gesetz, nur dass es nicht verkündet wird“). Seine Reaktion stimmt also mit dem G-ttlichen Willen überein.

In der Regel muss man in allen Angelegenheiten immer das Bet Din konsultieren. Dennoch sind Situationen, die ein eiferndes Eintreten für die Sache des Allmächtigen erfordern, mit einem Fall von Pikuach Nefesch (Rettung von gefährdetem Leben) vergleichbar: Um Anweisungen zu bitten, wenn man mit einer Situation von Pikuach Nefesch konfrontiert wird, ist gleichbedeutend mit Blutvergießen.7 Man sollte ausreichend Sorge dafür tragen, sofort zu handeln, auf eigene Faust, ohne um Anweisungen vom Bet Din zu bitten. Ebenso sucht man, wenn man wirklich besorgt ist über einen Zustand, der es erfordert, sich für die Sache G-ttes einzusetzen, nicht die Führung des Bet Din. In einer solchen Situation sollte man nicht die Gewissheit einer „soliden Brücke“ suchen, nichts ohne vorherige Konsultation eines Bet Din zu tun, denn jeder Augenblick zählt. Und selbst wenn man im Voraus weiß, dass das Bet Din entscheiden würde, nichts zu tun, gilt immer noch der Grundsatz: „Eiferer dürfen ihn niederstoßen“! Dies ist der Wille G-ttes, denn das Prinzip „Eiferer dürfen ihn niederstoßen“ ist ein ausdrückliches Gesetz im Schulchan Aruch.

Wir können dies wie folgt verstehen:

„Ein Mensch sündigt nicht, es sei denn, ein Geist der Torheit dringt in ihn ein.“8 Wie der Alte Rebbe sagte, ist es jedem Juden eigen, dass er nicht von G-tt getrennt sein will – und auch nicht sein kann.9 Die Tatsache, dass er sich wie ein Tier verhält, kommt vom „Geist der Torheit“, vom „Tier“ in ihm (der „tierischen Seele“). Wenn er also von reinem Eifer bewegt wird – „Ich eiferte sehr um des Ewigen willen ...“10 –, statt um des „eigenen Ruhmes oder des Ruhmes seiner Familie“11 willen, und er so sehr darauf bedacht ist, dass er nicht einmal darüber nachdenkt, ob er vielleicht eine Sünde begeht oder nicht, dann negiert er sein Ego und alle persönlichen Erwägungen völlig. Indem er den Körper und die tierische Seele außer Acht lässt, bleibt einem nur die G-ttliche Seele übrig, die „G-tt für immer treu ist.“12 Es besteht kein Zweifel daran, dass, solange die tierische Seele sich nicht einmischt, die Neschama allein ihn sicher zur G-ttlichen Absicht führen wird.

Als Pinchas also Simri hinrichtete, „wurde die Plage gestoppt“13, und er rettete Tausende von Israeliten vor der schwersten Sünde des Götzendienstes von Ba-al Pe-or. Der Midrasch14 berichtet, dass die Übertretung von Ba-al Pe-or für immer Zorn ausbrechen lässt, außer wenn Mosche diesen Ausbruch aufhebt. Das finden wir bei keiner anderen Übertretung! Dennoch rettete Pinchas das jüdische Volk vor dieser Sünde. So hat er es verdient, dass gesagt wurde: „Ich gebe ihm Meinen Bund des Friedens“15, und „Pinchas ist Elijahu“, der jeder Brit Mila (dem Bund der Beschneidung)16 beiwohnt und die Erlösung verkünden wird.17

V. Auch unsere Zeit erlebt eine Plage, möge der Barmherzige uns retten. Mein Schwiegervater, der Rebbe, hat gesagt, dass der Allmächtige die Mauern der Galut in Brand gesteckt hat.18 Das ist so klar ersichtlich, dass es keiner Beweise oder Erklärungen bedarf. Wir können tatsächlich sehen, wie so viele Juden, sowohl in der Diaspora als auch im Heiligen Land (möge es schnell wieder aufgebaut und wiederhergestellt werden), für die Jiddischkeit verloren gehen. Sie wandeln auf einem krummen Weg, der sie dazu bringt, sich G-tt und seiner Tora zu widersetzen, G-tt bewahre. In einer Zeit wie dieser, einer Zeit der wütenden Brände, einer Zeit, in der jüdische Jungen und Mädchen – G-tt bewahre – für die Jiddischkeit verloren gehen könnten, braucht man kein Bet Din zu konsultieren oder Quellen zu prüfen, ob man das Lernen für eine Stunde unterbrechen darf oder nicht, oder ähnliche Fragen. Es besteht eine unmittelbare Gefahr, wenn man auch nur einen Moment zögert. Dies ist eine Zeit zum Handeln.

In einer Zeit wie dieser obliegt es jedem Juden, Eifer in seiner Seele zu entfachen. Dies kann durch Pnimijut haTora geschehen und dadurch, dass man seine Privatsphäre verlässt, um zu seinen jüdischen Mitbürgern zu gehen und mit ihnen mit angenehmen, aufrichtigen und warmen Worten zu sprechen. Es hat keinen Sinn, sie in philosophische Debatten oder Diskussionen zu verwickeln, denn das ist angesichts eines wütenden Feuers völlig unangebracht.19 Außerdem gewinnt man in einer Situation von Pikuach Nefesch nicht mit Logik. Man muss mit Gefühl sprechen, mit Worten, die aus der Seele kommen, und so wird man das Feuer in ihnen entfachen – „seine Gluten (sind) – Feuerblitze, eine Flamme G-ttes“20 – und die Plage wird aufgehalten werden.

Dies wird zu „Pinchas ist Elijahu“ führen, der kommen wird „vor dem großen und schrecklichen Tag ... und er wird das Herz der Väter den Kindern zuwenden ...“21 und die Erlösung durch unseren gerechten Maschiach verkünden, schnell in unseren eigenen Tagen.

(Adaptiert aus einer Sicha gehalten an Jud-Bet Tammus 5713)