II. Die Quellen [von Chassidut] müssen in der Außenwelt verbreitet werden (Hafazat Hamajanot Chuza). Das bedeutet nicht, dass man warten soll, bis diejenigen, die noch „draußen“ sind, zu den Quellen kommen. Vielmehr heißt es: „Es werden deine Quellen überströmen auf die Fluren“:1 Man soll nach draußen gehen und die Quellen dort verbreiten.2

Dieser Ansatz begann mit Aaron, dem Hohepriester, der „den Frieden liebte und nach Frieden strebte, die Geschöpfe liebte und sie der Tora nahebrachte.“3 Aaron wartete nicht darauf, dass die Menschen zu ihm kamen. Er ergriff die Initiative und ging zu ihnen.4

Er ging sogar zu Berijot, d. h., zu Menschen, die nichts vorzuweisen haben außer der Tatsache, dass sie Berijot sind, Geschöpfe des Allmächtigen. Aaron ging sogar zu ihnen und brachte sie der Tora nahe.5

Es gibt jedoch eine Einschränkung: Er brachte sie der Tora nahe, statt dazu, dass er die Tora zu ihnen brachte. Aaron ging zwar zu den Berijot, aber er bot ihnen die Tora nicht in einer Weise an, die ihrer Sichtweise entsprach. Er bot keine Kompromisse und Nachgiebigkeit in Sachen Tora an. Er brachte die Tora nicht herab zu ihnen und in die Nähe des Geistes der Berijot, sondern hob sie hoch und brachte sie der Tora nahe, in die Realität der Tora in ihrem vollkommenen Zustand.

III. Auf diesen Aspekt von Aarons Awoda wird in dieser Parascha angespielt: „Wenn du die Lampen anzündest.“6 Die Lampen bezeichnen die Seelen Israels,7 wie es geschrieben steht: „Die Lampe des Ewigen ist die Seele des Menschen.“8 Im Allgemeinen gibt es sieben Arten jüdischer Seelen, wie in Likkutej Tora erklärt wird, die den sieben Lampen der Menora entsprechen.9 Aarons Awoda bestand darin, alle diese Lampen anzuzünden und zu erheben. Das göttliche Licht ist in jedem Juden vorhanden, aber es kann in einem Zustand der Latenz sein. So war es Aarons Aufgabe, diese Lampen zu entzünden, das Verborgene sichtbar zu machen.

Als Aaron die Seele in jedem Juden sichtbar machte, tat er dies so lange, bis „die Lichtflamme von selbst aufstieg.“10 Solange es notwendig ist, dass Aaron die G-ttliche Lampe in den Berijot entzündet, hat man das beabsichtigte Ziel nicht erreicht. Die Lampe soll so lange angezündet werden, bis die Flamme von selbst aufsteigt, d. h., dass es nicht mehr nötig ist, sie anzuzünden, weil sie von selbst brennt und leuchtet.

IV. Das Anzünden der Menora im Bet haMikdasch unterliegt drei Gesetzen: a) Das Anzünden der Menora ist akzeptabel, auch wenn es von einem Nicht-Kohen durchgeführt wird; b) das Vorbereiten der Lampen darf nur von einem Kohen durchgeführt werden; und c) der Platz für die angezündete Menora ist speziell im Hechal des Bet haMikdasch.11 All dies gilt auch für das Anzünden der spirituellen Menora. Mit anderen Worten: Die Erleuchtung der jüdischen Seelen unterliegt denselben drei Bedingungen:

a) „Das Anzünden der Menora ist akzeptabel, auch wenn es von einem Nicht-Kohen durchgeführt wird.“

Die Aufgabe, andere zu beeinflussen und die Quellen in der Außenwelt zu verbreiten, ist nicht auf bestimmte Personen beschränkt. Es ist ein Verdienst und eine Verpflichtung, die jedem Juden obliegt. Die Mischna wendet sich eindeutig an jeden Juden, wenn sie sagt: „Sei einer der Schüler Aarons ...“12 Jeder einzelne Jude muss dem Weg Aarons folgen, um Berijot der Tora nahezubringen. Nichtsdestotrotz –

b) „Das Vorbereiten der Lampen darf nur von einem Kohen vorgenommen werden.“

Man könnte bei sich denken: „Das ultimative Ziel ist es, andere zu beeinflussen. Welchen Unterschied macht es dann, mit welchen Mitteln ich dieses Ziel erreichen will? Ich werde ihnen die Themen der Tora so erklären, wie ich sie verstehe, und zwar auf eine Weise, die ich für ihr Verständnis für geeignet halte. Ich werde einen Zugang zu den Mizwot wählen, der zu mir und ihnen passt, und so weiter, und auf diese Weise werde ich in der Lage sein, auf sie einzuwirken.“

Deshalb gibt es die Anweisung: „Das Vorbereiten der Lampen“, d. h. das Einfüllen des Öls und das Einsetzen des Dochts – also der Dinge, die zum Anzünden der Lampe gebraucht werden – darf nur durch einen Kohen erfolgen. Nicht jeder ist in der Lage und geeignet, die Dinge auszuwählen und vorzubereiten, die zum Anzünden der Lampen der Juden verwendet werden. Nur ein Kohen ist dazu in der Lage.

Ein Kohen ist jemand, der keinen eigenen Anteil und kein eigenes Erbe hat, denn „der Ewige [allein] ist sein Erbe.“13 Der Rambam14 definiert ihn so: „Derjenige, dessen Geist ihn ... dazu bewegt, sich vom Weltlichen zurückzuziehen, um vor G-tt zu stehen und Ihm zu dienen“, d. h., er ist ganz und gar damit beschäftigt, sich an G-tt zu binden, um Ihm zu dienen. Nur eine solche Person kann die Dinge vorbereiten, um die Lampe der Seele anzuzünden. Wenn der Kohen das Öl und den Docht vorbereitet hat, dann obliegt es jedem Einzelnen, sie anzuzünden, diese Quellen in der Außenwelt zu verbreiten.

c) „Der Platz für die angezündete Menora ist speziell im Hechal.“

Es gibt zehn Stufen der Heiligkeit15 (das Allerheiligste; der Hechal und so weiter). Die Ebenen, die nach dem Hechal aufgezählt werden (und niedriger sind als dieser), sind ebenfalls heilig. Befindet sich die angezündete Menora jedoch an einem der Orte, deren Heiligkeit geringer ist als die des Hechal, ist die Mizwa nicht erfüllt. Jede Aufgabe hat ihren eigenen Platz, und der der Menora ist es, ihr Licht im Hechal abzugeben.

V. All dies hat die folgenden Auswirkungen auf die Awoda des Menschen:

Man soll nicht sagen: „Ja, ich muss die Lampe in mir anzünden und die Lampe in einem anderen; aber wer sagt, dass ich das auf eine so erhabene Weise tun muss? Es gibt so viele Juden, an die keine so hohen Anforderungen gestellt werden; warum muss ich dann das alles tun?“ So lautet die Anweisung:

„Jeder hat seine Aufgabe. Wenn du mit Fähigkeiten und Möglichkeiten ausgestattet bist, Licht an einen Ort zu bringen, der heiliger ist, beweist das, dass dies deine Mission ist, die der Allmächtige von dir erwartet. Wenn du ihr nicht nachgehst, hast du deine Mission nicht erfüllt, weil du den Willen des Schöpfers nicht erfüllt hast.“

Razon (Wille; Begehren) ist nicht teilbar.16 Hier liegt der Unterschied zwischen „Intellekt“ und „Wille.“ Mit dem Intellekt und der Vernunft ist es möglich, nur einen Teil der Einsicht zu verstehen. In Bezug auf den Willen jedoch kann derjenige, der ihn nicht in allen Einzelheiten ausführt, nicht behaupten, „wenigstens die Hälfte des Willens“ erfüllt zu haben. Der Wille ist überhaupt nicht erfüllt worden. Vielmehr hat man gegen ihn verstoßen, man hat das Gegenteil von ihm getan.

Die Menschen unterscheiden sich voneinander.17 Jeder hat eine einzigartige Aufgabe, die für einen anderen vielleicht nicht relevant ist.18 Das Gleiche gilt für die Generationen.19 In früheren Generationen gab es viele G-ttesfürchtige und fähige Menschen, die nicht Pnimijut haTora studiert haben. In diesen späteren Generationen jedoch, jetzt, da Pnimijut haTora offenbart und manifest geworden ist, beweist die Tatsache, dass es diese Offenbarung gibt, von selbst, dass das Studium von Pnimijut haTora eine der Verpflichtungen unserer Zeit und Generation ist. Daraus folgt, dass es keine Alternative gibt, denn Razon ist nicht teilbar.

Das Anzünden der Menora lehrt uns im Wesentlichen, dass man sich mit Pnimijut haTora beschäftigen muss. Im Zusammenhang mit dem Konzept des Feuers20 müssen wir wissen, dass es nicht ausreicht, das „dunkle Feuer“ zu haben, d. h. die Galja (den offenbarten oder manifesten Teil) der Tora; es muss auch das „helle Feuer“ geben, d. h. Pnimijut haTora.21 Das Studium von Pnimijut haTora verleiht die Fähigkeit und die Kraft, alle Hindernisse zu überwinden, und verleiht auch dem Studium des manifesten Teils der Tora und der Einhaltung der Mizwot Vitalität.


VI. Einer der wichtigsten Aspekte im Verhalten der jüdischen Frauen, der ihre Söhne und Töchter stark beeinflusst, ist das Konzept von Znijut (Bescheidenheit; Keuschheit): „Die Ehre einer Königstochter ist im Innern (in der Privatsphäre).“22 Die Gemara23 informiert uns daher über die außergewöhnliche Znijut von Kimchit, dass die Wände ihres Hauses niemals die Haare auf ihrem Kopf sahen; dadurch verdiente sie es, dass sieben ihrer Söhne im Bet haMikdasch als Kohanim Gedolim (Hohepriester) dienten.

Man soll nicht denken: „Warum sollte ich mich mit außergewöhnlicher Znijut verhalten, nur damit meine Kinder Hohepriester werden? Ich werde mich damit begnügen, dass sie gewöhnliche Priester werden. Schließlich sind alle Juden heilig!“

Das Anzünden der Menora lehrt uns also, dass die Menora speziell im Hechal brennen muss. Dies impliziert, wie oben erwähnt, dass man eine Gelegenheit nutzen muss, um sie an einem Ort größerer Heiligkeit anzuzünden. In unserem Kontext: Wenn eine Frau die Möglichkeit hat, ihre Kinder zu Kohanim Gedolim zu erziehen, beweist dies, dass es ihre Pflicht ist, dies zu tun. Dies nicht zu tun, bedeutet, dass sie ihre Verpflichtung insgesamt nicht erfüllt; sie wird darin versagt haben, G-ttes Willen auszuführen.

VII. Wir können nun verstehen, warum es heißt: „Sprich zu Aaron ... wenn du die Lampen anzündest“, was impliziert, dass Aaron die Menora anzünden soll. Dieser Vers wirft eine Frage auf: Die Menora kann auch von einem Nicht-Kohen angezündet werden. Außerdem kann die Vorbereitung der Menora von einem gewöhnlichen Kohen durchgeführt werden und erfordert keinen Kohen Gadol (Hohepriester). Warum wurde Aaron dann angewiesen, dies zu tun? Unser Text impliziert, dass all dies speziell von Aaron, dem Hohepriester, getan werden sollte!

Wie oben erwähnt, obliegt es jedoch allen, dafür zu sorgen, dass jeder die G-ttliche Lampe – die Neschama – in sich selbst entzündet. Und damit dieses Entzünden auch in einem anderen bewirkt werden kann, muss es in der Heiligkeit eines Kohen Gadol verwurzelt sein. Es reicht nicht aus, dies in einem anderen durch einen niedrigeren Grad von Heiligkeit zu bewirken; es muss mit der Heiligkeit eines Kohen Gadol geschehen.

Die Bedeutung eines Kohen Gadol besteht darin, dass er an einem Tag im Jahr die innerste Kammer, das Allerheiligste, betritt. Das Allerheiligste enthielt nur den Aron (die heilige Lade) mit den Luchot (den Tafeln, auf denen die Zehn Gebote eingraviert waren). Das weist darauf hin, dass das Konzept des Kohen Gadol bedeutet, dass er nichts anderes als die Tora besitzt.

Außerdem: Auf den Luchot im Allerheiligsten war die Tora eingraviert. Geschriebene Buchstaben (im Gegensatz zu eingravierten Buchstaben) sind ein Zusatz, zusätzlich zu dem Pergament, auf dem sie aufgezeichnet sind. Eingravierte Buchstaben hingegen sind in die Tafeln eingemeißelt; sie sind also ein integraler Bestandteil davon.24 Das ist die Bedeutung eines Kohen Gadol: Sein ganzes Wesen ist Tora.

Das ist also die Bedeutung von „Sprich zu Aaron ... wenn du die Lampen anzündest.“ Es ist das Verdienst und die Pflicht eines jeden Juden, die Lampe G-ttes in sich und in anderen mit der Kraft – und in der Art – des Hohepriesters Aaron zu entzünden, bis sein ganzes Wesen nur noch Tora ist. Dies obliegt jedem einzelnen Juden, denn das Anzünden kann auch von einem Nicht-Kohen vorgenommen werden.

Das gilt besonders für jüdische Frauen, denn die Erziehung ihrer Söhne und Töchter hängt wesentlich von ihnen ab. Sie müssen erkennen, dass ihr eigenes Verhalten so sein muss, dass ihre Kinder zu Kohanim Gedolim heranwachsen können.

Über den Kohen Gadol heißt es: „Gadelehu – erhebe ihn, mache ihn groß.“25 Die Befolgung der oben genannten Verfahren wird alle Hindernisse im Leben der Söhne und Töchter beseitigen, und es wird eine gesegnete Fülle von Kindern, Leben und Lebensunterhalt im wörtlichen Sinne geben.

(Adaptiert aus einer Sicha gehalten an Schawuot 5717)