Der schlichte Dorfgasthof war voll. Aber als ein gut gekleideter, würdevoll aussehender Mann eintrat, wandten sich alle Augen ihm zu. Nicht nur seine ungewöhnliche Erscheinung zog die Blicke auf sich, sondern auch die Besorgnis in seinen Augen. Er war einer der reichsten Männer der Stadt und hatte eben einige sehr profitable Geschäfte abgeschlossen. Dafür hatte er den ganzen Sommer gebraucht. Bald würde er nach Hause zurückkehren und die Früchte seiner Arbeit mitbringen: 500 Goldmünzen. Aber wie sollte er damit sicher nach Hause kommen? Die Gäste vergaßen ihn bald; nur einer musterte ihn immer noch, nämlich der Gastwirt. Plötzlich stand der Händler auf und ging hinaus. Der Wirt folgte ihm neugierig. Bald blieb der Händler am Waldrand stehen. Der Wirt versteckte sich hinter einer großen Eiche und schaute zu, wie der Mann ein Loch grub, seine Geldbörse hineinlegte und das Loch zuschüttete. Er schien mit seiner Arbeit zufrieden zu sein und lehnte sich an den rauen Baumstamm, um sich auszuruhen. Jetzt war seine Miene ruhig. Dann ging er zurück in den überfüllten Gasthof.
Kaum war er weg, tauchte der Wirt aus dem Schatten auf, grub die schwere Geldbörse aus und verbarg sie in seiner Wohnung. Der arglose Händler setzte seine Reise fort und vertraute darauf, dass sein Geld in Sicherheit war. Zwei Wochen später beendete er seine Geschäfte und kehrte zurück, um sein Geld zu holen. Als er zu graben begann, wurde er unruhig, denn der Erdhaufen wurde immer größer, aber die Geldbörse war nicht zu sehen. Fieberhaft grub er weiter, bis ihm klar wurde, dass sein Gold gestohlen worden war. Er spürte den Schreck wie einen körperlichen Schmerz und konnte kaum noch atmen. Aber nach einigen Minuten wurden seine Gedanken klarer, und er überlegte, was geschehen war, ehe er das Gold vergraben hatte. Der Wirt hatte sein Gepäck genau gemustert. Er musste der Dieb sein, denn die anderen hatten sich kaum um ihn gekümmert. Rasch legte er sich einen Plan zurecht, um den Dieb zu überführen.
Er ging lächelnd zum Wirt und sagte: „Mein Freund, ich habe gehört, du bist sehr klug. Darum möchte ich dich um einen Rat bitten.“ Seine Freundlichkeit beruhigte den Wirt. Offenbar hegte der Mann keinen Verdacht. „Ich weiß, ich kann auf deine Diskretion zählen, denn was ich dir sagen werde, muss geheim bleiben. Wie du weißt, bin ich ein erfolgreicher Händler. Manchmal muss ich große Geldsummen bei mir tragen. Zur Zeit sind es zwei volle Geldbörsen, eine mit achthundert und eine mit fünfhundert Münzen.“ Der Wirt hörte wie gebannt zu, als die Stimme des Händlers ganz leise wurde: „Vor zwei Wochen habe ich eine dieser Börsen vergraben, und niemand wird sie finden. Aber was soll ich mit der Zweiten machen, die noch mehr Gold enthält?“ Der Wirt straffte die Schultern und antwortete. „Nun, Ihr seid fremd hier und habt keine engen Freunde, denen Ihr vertrauen könnt. An Eurer Stelle würde ich diese Geldbörse an derselben Stelle verstecken wie die Erste, denn dieses Versteck war ja sicher.“
Jetzt wusste der Händler, dass der Wirt der Dieb war. Er tat, als wolle er über den Vorschlag nachdenken, und verließ den Gasthof. Der Wirt hatte wenig Zeit; denn wenn der Händler zu seinem Versteck zurückkehrte, würde er merken, dass das Gold fehlte. Er eilte in den Wald und vergrub die gestohlene Börse. Gewiss, er riskierte 500 Münzen, doch bald würde er weitere 800 bekommen – eine gute Investition! Der Händler wartete eine Weile; dann ging er in den Wald. Dort betete er und begann zu graben. Bald hatte er die volle Goldbörse gefunden. Dankbar sprach er aus vollem Herzen den Segen „Gepriesen sei Er, der Verlorenes dem rechtmäßigen Besitzer zurückgibt.“
ב"ה
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