Auf den ersten Blick scheint dies eine recht einfache Frage zu sein. Obwohl es sich nicht um eine missionarische Religion handelt, nehmen wir seit langem Konvertiten in unsere Glaubensgemeinschaft auf und behandeln sie als vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft.
Bei genauerer Betrachtung ergibt sich jedoch ein interessantes Problem. Maimonides1 erklärt, dass die Israeliten am Sinai auf drei Weisen „den Bund geschlossen“ haben: durch die Beschneidung, durch das Untertauchen im Wasser und durch das Darbringen eines Opfers (Tieropfer). Er führt weiter aus, dass diese drei Voraussetzungen für alle nachfolgenden Generationen gelten. Die Tora2 besagt: „Wie ihr, so auch der Konvertit“, was darauf hinweist, dass die Aufnahmeverfahren für den neuen Konvertiten dieselben sein sollen wie die der ursprünglichen Israeliten: Beschneidung, Untertauchung im Wasser und das Darbringen eines Opfers.
Maimonides geht auf die heutige Realität ein, in der das Darbringen eines Opfers nicht möglich ist. „Heutzutage, da es keine Opfer mehr gibt, muss [der Konvertit] die Beschneidung und das Untertauchen im Wasser vollziehen. Wenn der Tempel wieder aufgebaut ist, kann er dann sein Opfer darbringen.“ Dies könnte bedeuten, dass in der Zwischenzeit etwas in der Vollkommenheit der Konversion fehlt.
Tatsächlich scheint Maimonides genau dies in einem anderen Abschnitt seines Gesetzeskodexes zu sagen:3 „Ein Konvertit, der sich beschneiden und untertauchen ließ, aber noch kein Opfer dargebracht hat … das Fehlen des Opfers hindert ihn daran, ein vollständiger Konvertit zu sein.“
Trotz dieser Rechtsentscheidungen finden wir, dass Maimonides selbst einen wunderschönen Ermutigungsbrief an eine einzigartige Persönlichkeit schrieb, Owadia HaGer (Owadia, der Konvertit), der vom Islam4 zum Judentum konvertierte.5 In dem Brief versichert Maimonides ihm, dass ein Konvertit sogar größer ist als jemand, der als Jude geboren wurde. Während Letztere ihre Abstammung bis zu ihren Vorfahren in der Antike zurückverfolgen können, führt ein Konvertit seine Abstammung auf den Allmächtigen selbst zurück.
Maimonides belegt dies damit, dass der Konvertit die Bikkurim, das Erstlingsopfer im Tempel, auf dieselbe Weise darbringt wie jeder andere Jude, obwohl sich der Text auf Ereignisse bezieht, die sich bei den Israeliten früherer Generationen zugetragen haben. Dies zeigt deutlich, dass auch der Konvertit einbezogen ist.
Maimonides zieht diesen Vergleich, obwohl damals der Tempel offensichtlich noch stand, sodass ein Konvertit im Rahmen seiner Konversion ein Opfer darbringen konnte, während Owadia dies nicht konnte. Es genügt zu sagen, dass Maimonides Owadia keine leeren Floskeln gegeben hätte. Er hätte ihm nicht gesagt, dass er ein noch größerer Jude sei, wenn er es nicht aufrichtig gemeint hätte.
Um all dies zu verstehen, bedarf es eines Perspektivwechsels, den der Rebbe auf einfache und schöne Weise vermittelt.
Nirgendwo erklärt Maimonides, dass diese drei Schritte alle erforderlich sind, um dem Glauben beizutreten. Vielmehr sagt er im Passiv, dass diese drei Dinge geschehen müssen, wenn eine Person konvertieren möchte. Darin liegt der Schlüssel. Nur zwei der drei Schritte – die Beschneidung und das Untertauchen – dienen dem Eintritt in den Glauben. Der letzte – das Darbringen eines Opfers – ist nicht als Mittel zum Eintritt gedacht, sondern dazu, Unreinheiten aus dem früheren Leben des Konvertiten zu reinigen.
Eines der verbleibenden Hindernisse, das durch das Opfer beseitigt werden soll, ist die Fähigkeit, an den heiligen Speisen im Tempel teilzunehmen. Da dies in Abwesenheit eines bestehenden Tempels nicht relevant ist, schmälert es in keiner Weise den ansonsten vollständigen Eintritt des Konvertiten in sein neues Volk. Wenn der Tempel wieder aufgebaut ist, wird der Konvertit die Möglichkeit haben, dieses letzte Hindernis aus dem Weg zu räumen, und diese letzte verbleibende Frage wird gelöst sein.
Da der Konvertit keinen Einfluss auf das Schicksal des Tempels hat, ist er, solange der Tempel nicht wieder aufgebaut ist, von jeglicher Verantwortung befreit.
Im allegorischen Sinne gilt das, was wir gerade besprochen haben, nicht nur für einen formellen Konvertiten, sondern für jeden Juden.
So wie wir wissen, dass die Übergabe der Tora ein fortwährender Akt ist – wir bezeichnen G‑tt als den Geber der Tora im Präsens –, so ist auch unser Eintritt in das jüdische Volk kein einmaliges Ereignis. Mit den Worten der Weisen: „Jeden Tag soll es in deinen Augen so sein, als ob du heute einen Bund mit Ihm geschlossen hättest.“6
Unser eigener Eintritt in den Bund mag sich unvollkommen anfühlen, da wir nicht frei von allen Hindernissen und Unvollkommenheiten sind. Wir werden daher darin bestärkt, dass unser Anteil am Bund voll und ganz gegeben ist, auch wenn wir noch einiges zu tun haben, um vollständige Reinigung zu erlangen.
In Anlehnung an Likkutej Sichot Band 26, Misch'patim III (S. 160–166)

Diskutieren Sie mit