Mein Gesicht war leicht erhitzt und ich versuchte meine Fassung zu bewahren. „Ich mache diese Arbeit freiwillig. Ich brauche nicht die Grabenkämpfe, die endlosen Streitereien.” Der Rabbi saß mir ruhig gegenüber. Ich erklärte ihm, warum ich den Vorstand unserer Gemeinde verlassen wollte. Als mir die Gründe (und der Atem) ausgingen, war es einen Moment lang still, während er mich ansah. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und begann bedächtig zu sprechen. Der Rabbi hatte seine eigene Liste von Gründen, warum ich in meiner Position verbleiben sollte. Das letzte Argument warf mich vom Hocker. Er sagte, ich sei ein Vorbild, das andere ermutige, das Judentum kennen und schätzen zu lernen.

Ich - ein Vorbild? Whooa! Das war das erste Mal in meinem Leben, dass mir jemand so etwas gesagt hatte. Bis vor kurzem war ich ein Drei-Tages-Jude gewesen, der im örtlichen McDonald’s einen Stammtisch hatte. Ich kehrte dort jeden Samstagmorgen ein auf meinem Weg zum 7:25 Uhr Abschlag auf dem Golfplatz. Die Worte des Rabbiners machten mir schlagartig klar, dass sich einiges geändert hatte in der letzten Zeit.

Als ich aufwuchs, gingen wir natürlich zu den Hohen Feiertagen in die Synagoge, hatten ein Festmahl zu Pessach und zündeten einen elektrischen Chanukka- Leuchter jedes Jahr. Meine Eltern bemühten sich nach Kräften, uns jüdische Werte zu vermitteln. Sie ermutigten uns, mit jüdischen Kindern zu verkehren, bezahlten sogar nach der Bar Mizwa für eine religiöse Bildung; und es wurde mir eingeprägt, dass wenn ich jemals ein nichtjüdisches Mädchen heimbringen würde, meine Mutter ihren Kopf in den Ofen legen würde (eine leere Drohung, unser Ofen war elektrisch, nicht Gas).

Meine deutlichste Kindheitserinnerung ist der Weg zur Synagoge, den ich an den Hohen Feiertagen mit meinem Vater zu Fuß zurücklegte - alle 26 Blocks, hin und zurück. Es war etwas Besonderes, nur mein Vater und ich. Ich sah eine ganze Menge von Tempelmitgliedern, die im Auto fuhren, um die Ecke parkten und den Rest des Weges zu Fuß gingen. Es war seltsam, dass mein Vater das Bedürfnis hatte, zu gehen. Vielleicht wusste er, dass die Erinnerung an diese Spaziergänge später einen Funken in mir wach halten und verhindern würde, dass ich völlig vom Judentum abtrieb.

Es war nicht, dass ich ein Problem mit dem Judentum hatte, im Gegenteil. Ich arbeitete in den Ferien in jüdischen Camps, viele der Mädchen, mit denen ich in der Collegezeit ausging, hielten koscher. Ich glaubte auch an G-tt, aber ich fühlte, dass ein bewusstes jüdisches Leben ein unerreichbar hoher Berg für mich war. Und wenn man nicht alles hält und das mit einem Schlag, ist man doch ein Scheinheiliger, lautete stets mein Argument.

So ging ich in die andere Richtung und wurde zu einer Art „sozialer” Jude. Ich hüllte mich in den Deckmantel jüdischer Organisationen und Wohlfahrtsvereine. Ich nahm mir noch immer frei zu Rosch Haschana und Jom Kippur, aber ich ging nicht mehr zur Synagoge.

Nachdem ich Lois geheiratet hatte (sie ist jüdisch, meiner Mutter wurde also dieser langsame Selbstmord mit dem elektrischen Ofen erspart), zogen wir in ein größeres Haus. Das Haus erfüllte alle meine Wünsche: Großer Garten, Kabel-TV in allen Schlafzimmern und eine annehmbare Entfernung zur nächsten Synagoge ... in der wir umgehend Mitglieder wurden. Für meine jüdische Zukunft hatte ich keine Pläne, außer meine Kinder in den Religionsunterricht zu schicken und drei Mal im Jahr in die neue Synagoge zu gehen.

Acht Monate nach dem ersten Feiertags-Spaziergang verstarb Lois’ Mutter s.A. nach einer langen Krankheit. Obwohl wir nicht in der Gemeinde aktiv waren, wurde uns sofort Hilfe angeboten. Während der Schiwa - der Trauerperiode - kam der Rabbiner täglich vorbei oder rief an, ein täglicher Minjan kam in unser Haus. Das war eine neue Erfahrung für mich. Als ich aufwuchs, kam der Minjan nur zu den großen Spendern oder den regelmäßigen Tempelbesuchern ins Haus. In meiner neuen Synagoge war es nicht wichtig, wieviel ich einhielt oder wieviel ich gab; sie versuchten einfach, jemanden in einer schwierigen Situation zur Seite zu stehen.

Nach der Schiwa wollte meine Frau jeden Tag in die Synagoge für das Kaddisch gehen. Ich begleitete sie, wenn ich konnte, was normalerweise nicht den Schabbat - meinen Golftag - inkludierte. Aber je mehr ich ging, desto mehr kamen diese alten Gefühle zurück, dieser Wunsch, mehr zu tun.

Zur selben Zeit entdeckte ich die Welt des jüdischen Lernens im Internet. Je mehr ich las, desto mehr wollte ich wissen und innerhalb einiger Monate war ich auf jeder „Jüdisches Lernen” e-Mail-Liste, die ich finden konnte. Ich ging am Schabbat nachmittag nur in die Synagoge, um an der Tora-Diskussion teilnehmen zu können, die zwischen Nachmittags- und Abendgebet stattfand.

Die alten Gefühle kamen in stärkeren Wellen, aber dieses Mal war es anders. Ich hatte mittlerweile herausgefunden, dass das Judentum keine „Alles oder Nichts”-Religion ist; jeder Schritt zur Tora ist positiv. Das war für mich wie eine neue Religion - „Schuldfreies Judentum”.

Ich begann, kleine Dinge zu tun (für die Kinder natürlich), zum Beispiel Kerzenzünden am Freitag abend. Wir gingen auch manchmal mit der ganzen Familie in die Synagoge. Nach dem Ende der Golfsaison ging ich auch am Samstagmorgen. Ich baute sogar meine erste Sukka - das war ein tolles Erlebnis für die Kinder und sie liebten es, im Freien zu essen.

Nach rund einem Jahr auf meiner spirituellen Reise unternahm ich den schwierigsten Schritt von allen. Ich gab den Mittelpunkt meines Lebens auf - den Abschlag am Samstagmorgen. Ja, ich verlegte mein Golfspiel auf den Sonntag - mein Spiel verschlechterte sich trotzdem merklich, was nur ein Beweis dafür ist, dass G-ttes Wege wirklich unerklärlich sind.

In den nächsten Monaten schlichen sich weitere Änderungen in mein tägliches Leben, zufällig, ohne Absicht. Ich beschloss, kein nichtkoscheres Fleisch mehr zu essen. Wenn ich mit Lois in ein Restaurant ging, aß ich nur Fisch. Schlußendlich stopfte ich das Gefrierfach zu Hause mit koscherem Fleisch voll, obwohl mein Haushalt wirklich nicht koscher ist, und vor ein paar Monaten begann ich eine Kopfbedekkung zu tragen.

Ich habe eine enge Freundschaft mit dem Kantor unserer Synagoge geschlossen, von ihm habe ich viel über das Judentum gelernt. Eine Menge jüdischer Sachen sind nicht die todernsten Rituale, für die ich sie stets gehalten hatte. Sie sind eine Gelegenheit, Freude zu haben, mit Familie und Freunden zu feiern, Interessantes zu lernen und zu diskutieren.

Sind Sie jemals auf einer Party vor einer Schüssel mit Erdnüssen gesessen? Man isst eine Erdnuss, wartet ein bisschen und bald folgt die zweite. Je mehr man isst, desto schneller will man die nächste. Am Ende bewacht man eifersüchtig seinen Platz auf der Couch direkt vor der Erdnussschüssel. So ungefähr ist es, wenn man Mizwot ins tägliche Leben bringt. Das Gute daran ist - man muss nicht nicht die ganze Schüssel auf einmal aufessen.

Ein großer Gelehrter definierte einmal einen guten Juden, als jemanden, der ein besserer Jude werden will. Das ist der Schlüssel - man muss nicht alles auf einmal machen, aber man sollte sich stets in eine positive Richtung entwickeln. Und wenn man bereits eine Mizwa macht, wird sich bald der Wunsch einstellen, eine weitere einzubauen.

Und ich gehe noch immer zu Fuß in die Synagoge zu den Hohen Feiertagen. Meine Eltern sind jetzt öfters bei uns zu Gast. Also kann ich wieder mit meinem Vater in die Synagoge gehen, und meine Tochter kommt mit uns. Eines Tages, wenn sie sich an diese Spaziergänge erinnert, hoffe ich, dass sie so wichtig sind für sie wie für meinen Papa und mich.