Am ersten Abend von Rosch Haschana, nach dem Ma’ariv-Gebet, ist es Brauch, einander gute Wünsche zu übermitteln: L’schana towa tikasewwe-sechasam l’alter l’chajim towim - „Mögest du sofort für ein gutes Jahr und für in gutes Leben eingeschrieben und versiegelt werden.“

Nach der ersten Nacht wird dieser Wunsch nicht mehr ausgesprochen, denn es heißt, dass die Rechtschaffenen dann bereits für ein gutes Leben eingeschrieben sind, und niemand will den Eindruck erwecken, seine Freunde gehörten nicht zu den Rechtschaffenen. Außerdem sollten wir unsere Nächsten als rechtschaffen ansehen, selbst wenn wir einen anderen Eindruck haben; denn viele urteilen nur nach dem Äußeren, während G-tt ins Herz sieht. Vielleicht hat ein sündiger Mensch im Herzen bereut und gilt nun vor G-tt als rechtschaffen.

In sephardischen Gemeinden ist es jedoch Brauch, diese guten Wünsche auch nach dem G-ttesdienst am Morgen von Rosch Haschana auszusprechen.

Beim Anzünden der Kerze sagt die Frau: „Gesegnet seist Du ... der uns befohlen hat, das Licht des Festes anzuzünden“ (manche sagen „das Licht des Tages der Erinnerung“), ebenso den Segen Sche-hechejanu, dort wo es üblich ist. Sche-hechejanu wird in das Kuddusch eingefügt, das der Mann spricht. (Mehr über das Anzünden der Kerze im Abschnitt über Erew Sukkot).

Unsere Weisen lehren, dass Symbole wichtig sind. Darum servieren wir an Rosch Haschana symbolische Speisen. Sie stehen für das gute Jahr, auf das wir hoffen. Diese Speisen und die sie begleitenden Gebete eröffnen das Festmahl am ersten Abend von Rosch Haschana. In sephardischen Gemeinden werden sie auch am zweiten Abend gegessen.

Wir tauchen die Challa für Ha-Mozi in Honig oder, wenn wir keinen Honig haben, in Zucker. Manche benutzen Honig und Salz. Nach dem Verzehr der Challa tauchen wir eine süße Apfelscheibe in den Honig. Wir sprechen den Segen Pri ha-Ez, essen den Apfel und sprechen dann ein Gebet: „Möge es dein Wille sein, uns für ein gutes und süßes neues Jahr zu erneuern.“

Es ist auch Sitte, verschiedene Gemüse zu essen, über die man geeignete Gebete spricht und dabei die aramäischen Namen einschließt. Zum Beispiel:

Silki (Rüben) erinnert an das Wort „entfernen“. Also: „Mögen unsere Feinde entfernt werden.“

Kartii (Lauch) erinnert an das Wort „abschneiden“. Also: „Mögen unsere Feinde abgeschnitten werden.“

Kara (Kürbis) erinnert an das Wort „lesen“. Also: „Mögen unsere Verdienste dir vorgelesen werden.“

Tamri (Datteln) erinnert an das Wort „verzehren“. Also: „Mögen unsere Feinde verzehrt werden.“

Selbstverständlich sollten diese Speisen schmackhaft sein, nicht bitter oder sauer.

Es ist auch Brauch, einen Granatapfel zu essen und dabei zu sagen: „Mögen unsere Verdienste so reichlich sein wie die Kerne eines Granatapfels.“

Manche essen auch den Kopf eines Fisches oder das Fleisch eines Schafskopfs und sagen: „Möge es dein Wille sein, dass wir am Kopf sind und nicht am Schwanz.“ Manche essen Fisch als Symbol des Segens.

Alle diese Speisen erinnern uns daran, dass wir beurteilt werden und bereuen müssen. Es ist sehr wichtig, an diesem Tag nicht zornig zu werden. Die Weisen raten uns zwar dringend, nie zornig zu werden, aber an Rosch Haschana gilt dieser Rat ganz besonders. Wir sollten uns stattdessen über G-tt freuen und das Herz mit gutem Willen und Liebe erfüllen, damit auch unser Verhalten ein gutes Beispiel ist.

Es ist Sitte, an Rosch Haschana keine Nüsse oder ähnliche Nahrungsmittel zu essen, weil sie schleimbildend sind und unsere Konzentration beim Beten stören können. Manche behaupten, man solle keine Nüsse essen, weil der Gematria (Zahlenwert) von egos (Nuss) gleich dem von chef (Sünde) ist und wir alles tun, um an Rosch Haschana nicht an Sünden zu denken.

Spätere Kommentatoren erklären, dass wir am Abend von Rosch Haschana diese symbolischen Speisen essen, weil wir uns am Tag nicht mit materiellen Dingen beschäftigen; denn mit unseren Gebeten drücken wir aus, dass wir G-ttes Herrschaft anerkennen. Dennoch: Obwohl wir dafür beten, dass alle G-ttes Herrschaft anerkennen, trägt die Erfüllung unserer materiellen Bedürfnisse ebenfalls dazu bei, dass wir uns mehr den Angelegenheiten des Himmels widmen können. Darum ist es sinnvoll, dass wir mit diesen Symbolen an diese materiellen Bedürfnisse erinnern.