Frage:
Wenn es um das Pessach-Fest geht, hänge ich immer bei den zehn Plagen fest. Der Nil verwandelt sich in Blut, das Land wird von Fröschen überflutet, die Menschen werden von Läusen heimgesucht. Das klingt alles ein bisschen seltsam. Warum sollte der allmächtige G-tt ein Volk gerade mit diesen Plagen heimsuchen? Er hätte sie einfach vernichten können, und doch schickt er ihnen… …Frösche?!
Antwort:
Auch ich war von den Plagen verwirrt, besonders von den Fröschen. Es ist ein bisschen unpassend, so als würde man eine Fußballmannschaft „Die Hähne“ nennen. Es klingt einfach nicht bedrohlich.
Man kann die Plagen nur verstehen, wenn man darauf achtet, wie G-tt selbst sie beschrieben hat. Er sagte zu Mosche: „Ich werde die Ägypter schlagen und ihren G-tten Gerechtigkeit widerfahren lassen.“ G-tt bestrafte das ägyptische Volk nicht nur dafür, dass es die Israeliten versklavt hatte, sondern er zerschlug auch das ägyptische Wertesystem.
Jede Plage war ein Angriff auf die Grundüberzeugungen Ägyptens – jene Überzeugungen, die dazu führten, dass sie zur unmoralischsten Gesellschaft jener Zeit wurden. Betrachten wir die drei von Ihnen genannten Beispiele: den Fluss, der sich in Blut verwandelte, die Frösche und die Läuse.
Die Ägypter verehrten den Nil als G-tt. Er war ihre Bewässerungsquelle und somit ihre Quelle des Reichtums. Der Nil steht für Materialismus in extremer Form. Deshalb wurde er als Erstes heimgesucht. Wenn das Geld G-tt ist, fließt Blut.
Der Frosch war eine weitere ägyptische Götze, der G-tt der Fruchtbarkeit. Kinder zu bekommen ist ein edles Bestreben, doch für die Ägypter waren Kinder nichts weiter als eine Machtbasis. Fruchtbar zu sein wie ein Frosch bedeutete, den eigenen Clan zu vergrößern und den eigenen Einfluss auszuweiten. Wenn Kinder als Frösche betrachtet werden, haben die Menschen ihre Menschlichkeit verloren.
Doch erst die dritte Plage, die Läusepest, zwang die Ägypter zur Erkenntnis, dass hier der Finger G‑tts am Werk war. Die ägyptischen Zauberer waren in der Lage, die ersten beiden Plagen durch schwarze Magie nachzuahmen, und waren daher nicht davon überzeugt, dass sie g-ttlich bestraft wurden. Doch als die Läuse jeden Ägypter überfluteten, hoben sie resigniert die Hände.
So mächtig die ägyptische Zauberei auch war, sie konnte etwas so Kleines wie eine Laus nicht manipulieren. Die ägyptische Spiritualität befasste sich mit großen Dingen, mit wichtigen Themen, nicht mit winzigen Details. Den kleinen Dingen maßen sie keine Bedeutung bei.
Wir ließen Ägypten und seine hässlichen Glaubensvorstellungen hinter uns, um ein Wertesystem anzunehmen, das das genaue Gegenteil davon war. Geld ist keine Gottheit, sondern lediglich ein Mittel, um Gutes zu tun. Unsere Kinder sind keine Trophäen, sondern kostbare Seelen, die uns von G‑tt anvertraut wurden. Und kleine Dinge sind sehr wohl von Bedeutung. Der größte Teil unseres Lebens besteht nicht aus dramatischen Entscheidungen und großen Ereignissen, sondern aus kleinen Details und subtilen Entscheidungen, und sie alle machen einen Unterschied.
Beim Seder zählen wir die zehn Plagen auf und denken über die Werte nach, die die Ägypter zu Unterdrückern machten – die Werte, die wir hinter uns gelassen haben, und die Werte, die uns seit dreitausend Jahren dazu bewegen, zum Seder zu kommen.

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