Lieber Leser,

Die meisten von uns waren schon einmal an Jom Kippur in der Synagoge. Wir haben beim Pessach-Fest Mazza geknabbert. Wir haben zugesehen, wie Onkel Marvin die Chanukka-Menora anzündete, während wir Tante Sallys fettige Latkes genossen haben. Vielleicht haben wir uns am fröhlichen Purim-Tag mit unseren Kindern als Clowns verkleidet; und wir haben am 9. Aw getrauert, als unsere Tempel zerstört wurden.

Das sind alles bemerkenswerte Tage in unserem Kalender, Tage, an denen bedeutender Ereignisse gedacht wird. Aber wie vielen von uns fällt beim 15. Aw nichts ein? Doch der Talmud lehrt: „Es gab für Israel keine größeren Feste als den 15. Aw und Jom Kippur.“

Im Ernst? Diesen unbekannten Tag mit dem heiligsten Tag im Kalender unseres Volkes zu vergleichen? Was ist so besonders am 15. Aw?

Der Talmud schreibt: „Die Töchter Jerusalems zogen in geliehenen Leinengewändern hinaus (um diejenigen nicht in Verlegenheit zu bringen, die keine eigenen schönen Kleider besaßen) . . . und tanzten in den Weinbergen“, und „wer keine Frau hatte, ging dorthin“, um sich eine Braut zu suchen. (Talmud, Taanit 31a)

Es gibt viele tiefgründige Erklärungen zu diesem Tag.

Meine Sichtweise ist sehr einfach, aber sie trifft den Kern dessen, was ich am Judentum so sehr liebe.

Das Judentum lehrt uns, nach dem Himmel zu streben und gleichzeitig mit beiden Beinen fest auf der Erde zu stehen.

Die Botschaft des 15. Av ist so bodenständig: Erlebe das Geheimnis der Ehe. Erlebe das Wunder der Liebe. Sieh die Schönheit zweier sehr unterschiedlicher Menschen, die sich mit Körper, Herz und Seele vereinen, um Harmonie in unserer Welt zu schaffen. Beobachte die Selbstlosigkeit zweier Menschen, die trotz persönlicher Hindernisse zusammenkommen, um neues Leben in unsere Welt zu bringen. Und während du das tust, werde dir bewusst, dass du Zeuge von Heiligkeit bist.

Das Judentum lehrt uns, dass der 15. Av nicht weniger heilig ist als der geheiligte Tag Jom Kippur, an dem wir fasten und auf alle körperlichen Bedürfnisse verzichten, um spirituelle Höhen zu erreichen. Warum? Weil dies der Tag war, an dem Ehen geschlossen wurden.

Und die Ehe ist eine heilige Institution.

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Punkt. Die Mädchen trugen geliehene Kleidung, damit niemand in Verlegenheit geriet. Keine Haute-Couture-Kleidung in Villen voller Luxus; kein kleinliches Wettrennen darum, einander in den Schatten zu stellen. Die Mädchen tanzten fröhlich in den Weinbergen in einfachen, geliehenen Leinengewändern.

Das Fest der Partnervermittlung unterstrich: Schaut hinter die äußere Hülle und findet eine tiefere Seelenverbindung.

In unserer Gesellschaft, in der die Heiligkeit der Ehe untergraben wird, in der unsere Werte oberflächlich geworden sind und unsere Ideale beschädigt wurden, hat dieser Tag eine wertvolle Botschaft.

Machen wir den 15. Av zu einem Tag der verstärkten Liebe, an dem es weniger um oberflächliche Äußerlichkeiten geht, sondern mehr um das, was wirklich zählt.

Chana Weisberg,
Redakteurin, TJW

P.S.: Sind wir oberflächlicher geworden? Auf welche Werte sollten wir uns Ihrer Meinung nach konzentrieren?