In vielen Gemeinden wird das Gebet Ha-Jom Olam („Heute ist der Tag der Erschaffung der Welt“) nach der Bracha am Ende der drei besonderen Teile des Musaf von Rosch Haschana gesprochen. Wir erwähnen die Erschaffung der Welt, um uns selbst daran zu erinnern, dass Rosch Haschana ein Tag der Erneuerung ist. Das Gebet wird dreimal wiederholt, um an die drei Erneuerungen zu erinnern, die unsere Welt erlebt hat: die sechs Tage der Schöpfung, die Zeit nach der Flut und der Tag, als wir die Tora empfingen.

Als die Welt erschaffen wurde, gab es nur Malchujot („unumschränkte g-ttliche Herrschaft“). Das änderte sich nach der Flut, als die g-ttliche Vorsehung dominierte, symbolisiert durch Sichronot, die Beurteilung des menschlichen Tuns durch G-tt. Nach der Übergabe der Tora kam Schofarot hinzu, die g-ttliche Offenbarung.

In den ersten 1656 Jahren nach der Schöpfung gab G-tt den Menschen nur die Herrschaft. Der König des Universums setzte den Menschen über die geringeren Geschöpfe. Er gab ihm Ehre, Macht und ein langes Leben und ließ ihn tun, was er wollte, ohne ihn durch Gebote und Verbote einzuschränken. Er gab ihm weder die Tora noch die sieben Gesetze der Heiden (außer durch Andeutungen), und er versprach weder Lohn oder Strafe, denn Mitglieder des königlichen Hofes brauchen keine Gesetze - von ihnen wird erwartet, dass sie so leben, wie es ihrer Größe entspricht, dass sie die Ehre des Königreichs wahren und sich ihres hohen Ranges in Taten und Gedanken würdig erweisen, weil die Weisheit ihres Herzens sie dazu veranlasst.

Doch der Mensch war unfähig, diese Prüfung zu bestehen. Anstatt die Welt dank seiner großen Macht zu heiligen, füllte er sie mit Gier, Hässlichkeit und Sünde. Anstatt der Partner G-ttes zu werden, der die Welt für ihn geschaffen hatte, verbündete er sich mit Satan und nutzte seine Fähigkeiten, um die Welt schlecht zu machen.

Viele Jahre lang blieb G-tt geduldig mit den Menschen. Doch als es offenkudig wurde, dass sie nicht aufhören würden zu sündigen, kam die Flut und überschwemmte die Welt. Eine Welt, die allein auf Herrschaft beruhte, durfte es von nun an nicht mehr geben. Die Instinkte des Menschen würden ihn immer überwältigen, wenn er in einer Welt ohne Furcht lebte.

Also dämpfte G-tt Malchujot 792 Jahre lang mit Sichronot. Vielleicht würde Herrschaft, verbunden mit Vorsehung, die Existenz der Welt sichern. Der Mensch verlor zwar nicht seine Überlegenheit in der geschaffenen Welt, aber er muste eine Last tragen: Gebote und Verbote, die noachitischen Gesetze. Das machte ihm seine Verantwortung bewusst, und er wusste, dass er unter Aufsicht lebte und Rechenschaft über sein Handeln ablegen musste. Zudem verkürzte G-tt die Lebenszeit des Menschen und verringerte seine Macht, so dass er die Welt nicht mehr völlig verderben konnte, selbst wenn er es wollte.

Doch der Mensch fiel auch bei dieser zweiten Prüfung durch. Zehn Generationen vergingen zwischen Noach und Abraham, und die Menschen befolgten G-ttes Gesetze nicht, obwohl sie wussten, welche Strafe sie erwartete. Herrschaft und Größe hatten nicht genügt, um den Menschen vor bösen Trieben zu schützen, und die g-ttliche Vorsehung genügte ebenfalls nicht. Der Mensch sündigte, obwohl er wusste, dass er sich für seine Taten verantworten musste.

Die Welt stand am Rande einer zweiten Katastrophe und wäre erneut vernichtet worden, wenn nicht ein neues Volk entstanden wäre. Es waren die Nachkommen von Abraham, Izchak und Jakob, die für die ganze Schöpfung die Verantwortung übernahmen und sich verpflichteten, die Ehre der Menschen, die G-tt nach seinem Bilde geschaffen hatte, wiederherzustellen. Als sie G-ttes Tora annahmen, retteten sie die Welt vor der Vernichtung. Am Berg Sinai wurde also die Welt erneuert - und dieses Mal für die Ewigkeit.

Nachdem die Juden die Tora angenommen hatten, führte G-tt ein drittes Element ein, das sich mit der Herrschaft und der Vorsehung vereinigte, um seine Gegenwart in der Welt sichtbar zu machen. Dieses Element war Schofarot. Es gab dem Menschen die Fähigkeit, G-ttes Offenbarung wahrzunehmen, seine Stimme durch die Propheten zu hören, die Stimme des Gewissens zu hören und Reue zu empfinden, vor Ehrfucht gegenüber dem Schöpfer zu zittern, wenn das Schofar ihn daran erinnert, wer er ist und was er zu tun hat.

Die Welt nach Sinai steht also auf drei Pfeilern: der Herrschaft G-ttes, der Quelle aller Existenz; der Vorsehung G-ttes, der den Menschen für sein Tun belohnt und bestraft; und der Offenbarung G-ttes, das Joch der Tora, das dem Menschen unter dem Klang des Schofars gegeben wurde. Dieser Klang schwingt weiter in ihm und fordert ihn auf, seine Pflicht zu erfüllen. Die Echos dieser Schofarot sind immer zu hören. Manchmal sind sie stark, manchmal schwächer. Wenn der große Tag des Herrn kommt, werden sie mit all ihrer Macht erschallen, und die ganze Menschheit wird sie hören, wie geschrieben steht (Jeschajahu 27:13): Und es wird geschehen an diesem Tag, ein großes Schofar wird erschallen ...