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Die höchste Stufe

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Der heutige Schabbat trägt die besondere Bezeichnung "Schabbat Hachodesch"; an ihm wird – zusätzlich zum laufenden Wochenabschnitt – die Parascha aus Exodus, Kap. 12, verlesen, die für den bevorstehenden Monat Nissan von Erheblichkeit ist. Dazu heißt es dort1: "Dieser Monat soll für euch das Haupt der Monate sein." Aus jedem Rosch Chodesch (Monatsanfang) lässt sich eine Lehre entnehmen. Nachdem aber Rosch Chodesch Nissan den Anfang des ganzen Jahres bildet, muss das aus ihm zu entnehmende Prinzip von mehr weitreichender Bedeutung sein.

Diese Idee findet noch weitere Betonung dadurch, dass die Tora ihn "Haupt des Jahres" nennt, statt einfach "Anfang des Jahres". Im physischen Bereiche erfüllt ja auch der Kopf ganz besondere Aufgaben, womit er dann den gesamten Körper beherrscht; eine ähnliche Bedeutung muss dem Begriff "Haupt des Jahres" innewohnen.

Hier findet ein wesentlicher Grundsatz seinen Niederschlag, ein Grundsatz, der bestimmt, wie ein Jude G-tt dienen muss. Für jede solche Dienstleistung lassen sich sehr unterschiedliche Gradeinteilungen erkennen. So gibt es Menschen, die Tora und Mizwot rein gewohnheitsmäßig erfüllen, während andere viel mehr Sorgfalt darauf verwenden. Die höchste Stufe ist dabei, die von "Messirat Nefesch", das heißt, dass man G-tt in totaler Selbstaufopferung dient. Wörtlich übersetzt, heißt "Messirat Nefesch" so viel wie "Auslieferung der eigenen Seele".

Die Ausführung jeder einzelnen Mizwa stellt einen bestimmten Grad von Dienstleistung dar. Das "Sefer Charedim" erläutert, dass jede Mizwa in Beziehung zu einem bestimmten Körperglied steht und eine Funktion im Dienste G-ttes ausübt, welche der Funktion des betreffenden Gliedes im menschlichen Körper entspricht oder ähnlich ist. Die Stufe von "Messirat Nefesch" dagegen ist eine solche, dass dabei die – immerhin beschränkte – Natur irgendeines individuellen Körpergliedes überschritten wird, weil jetzt die Gesamtheit der Person einbezogen ist. Analog muss es also eine Miwza geben, die dieser Vollständigkeit von Dienstleistung entspricht.

Im Allgemeinen ist die Mizwa, durch die dieses Hochziel am ehesten verwirklicht werden kann, die Mizwa von "Korbanot" (Darbringungen von Opfern), insbesondere das "Olah" oder "Tamid", das "Ganzopfer" oder "Emporopfer", sowohl erstes wie letztes tägliches Opfer im Heiligtum. In ihm wurde gleichsam das allen Opfern gemeinsame allgemeine Prinzip verkörpert. Die Lehre nun, die sich aus dem "Olah" entnehmen lässt, ist von besonderer Wichtigkeit für die "Paraschat Hachodesch" des heutigen Schabbat, weil der Eintritt des Monats Nissan (von dem diese Parascha handelt" auch den Anfang des neuen Jahres anzeigte, soweit es sich um die Gemeinde-Opfer handelte. Denn von jenem Monate an wurden neue Opfer mit den Geldern gekauft, die für das betreffende Jahr gesammelt worden waren.

Das "Olah", als Ganzopfer, wurde völlig vom Feuer auf dem Altar verzehrt. Sein Rauch stieg hinauf himmelwärts und gab "ein angenehmes Aroma vor G-tt". Außerdem erwirkte es Vergebung für das jüdische Volk. Es war dazu angetan, einen sündigen Menschen noch näher an G-tt anzuschließen, als dies vor seiner Sünde der Fall war – wie der Talmud es ausdrückt: "Sogar vollkommene Gerechte können nicht an dem Platze stehen, wo ein Bußfertiger steht."

Wie kam es dazu, dass gerade das "Olah" einen so hohen Grad von Verzeihung erwirken konnte? Der Grund lag darin, dass dieses Opfer einen Juden zu völliger Umkehr aufrief. Wenn immer ein Jude ein Opfer bringt, eine Münze oder eine Geldsumme für die Erfüllung einer Mizwa gibt, als seinen Anteil am Gemeinde-Opfer, dann ist diese Tat vor G-tt ein Vorgang von absoluter Hingabe, ein Ausdruck totaler "Messirat Nefesch". Dann ist es vor G-tt so, als sei dieser Jude, und nicht das Opfertier, von G-ttlichem Feuer verzehrt worden.

Dies ist von besonderer Erheblichkeit für diesen Augenblick, den Beginn des Monats Nissan, mit dem jedes Mal das "Opferjahr" neu beginnt. Damit ist der Jude aufgerufen, sich zum Opfern zu erneuern.

Fußnoten
1.

Ex. 12, 2

von Dr. William Stern
Nach den Werken von Rabbi Menachem M. Schneerson. Herausgegeben von der Lubavitch Foundation, London unter dem Titel "Betrachtung für die Woche".

Dr. Stern arbeitete als Lehrer in Manchester, später in London. Er verstarb am ersten Tag von Chanukka im Jahre 5756 (1995). Der Rebbe persönlich beauftragte Dr. Stern Anfang der 1970-iger Jahre mit der Übersetzung der "Thought for the Week" von Rabbi Yitzhak Meir Kagan. Dr. Stern lehnte zunächst mit der Bemerkung ab, dass "Deutschland eine spirituelle Wüste sei". Der Rebbe antwortete ihm: "Aber die Tora wurde in der Wüste gegeben!"
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