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Wer trifft Entscheidungen?

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Es geschah, wie aus der dieswöchentlichen Sidra ersichtlich ist, am letzten Tage der "Acht Tage der Einführung", in deren Verlauf Aaron und seine Söhne befördert und über die anderen Leviten gestellt wurden, um Amt und Würde als Kohanim (Priester) zu bekleiden. Die für diesen Tag bestimmten Opfer waren dargebracht, Aaron hatte über das Volk den priesterlichen Segen ausgesprochen, Moses und Aaron hatten das Mischkan (das Heiligtum in der Wüste) betreten und beide zusammen das Volk nochmals gesegnet, und ein Feuer war von G-tt her ausgegangen – Kundgebung der Schechina, G-ttes Allgegenwart – und hatte die Opfer verzehrt (Lev., Ende von Kap. 9). Dann aber ereignete sich eine Tragödie, wie die Tora berichtet (Lev. 10, 1-2):

"Da nahmen die Söhne Aarons, Nadaw und Awihu, jeder seine Feuerpfanne, gaben Feuer hinein und legten Räucherwerk darauf; und sie brachten vor G-tt ein fremdes Feuer, welches Er ihnen nicht geboten hatte. Und ein Feuer kam heraus von G-tt und verzehrte sie, und so starben sie vor G-tt."

Raschi zitiert die folgende Erklärung für die Worte "Und ein Feuer kam heraus": "R. Elieser sagt, die Söhne Aarons seien gestorben, weil sie eine Frage von Tora-Recht in der Anwesenheit von Moses, ihres Lehrers, selbständig entschieden hatten, ohne sich mit ihm erst zu beraten."

Wer waren diese beiden, Nadaw und Awihu? Sie waren, an sich, sehr bedeutende Männer. Moses selbst sagte zu Aaron, was diese beiden betraf: "Sie sind größer als du oder ich." Der Ewige bezeichnete sie als "diejenigen, die Mir nahe sind", also "Meine Erwählten" (Lev. 10, 3 und Raschi z.St.). Dennoch wurden sie, ungeachtet ihrer hohen Stellung, schwer bestraft, weil sie ihrem Rabbi und Lehrer nicht genug Respekt erwiesen, weil sie ein Problem von Tora-Recht entschieden, ohne ihn zu Rate zu ziehen.

Und wer ist der Autor dieser Interpretation, die Raschi hier zitiert? Kein anderer als R. Elieser, der an anderer Stelle, ungeachtet seiner eigenen Größe als ein Tora-Gelehrter (vgl. "Sprüche der Väter" 2, 9, Pirkej d’Rabbi Elieser, Kap. 2, und passim) diese Erklärung abgibt: "Wer immer etwas lehrt, das er nicht von seinem Meister gehört hat, führt herbei, dass die Schechina (G-ttes Allgegenwart) sich aus Israel entfernt" (Talmud, Brachot 27b; s. auch Joma 66b und Sukka 27b).

Niemand darf daher sagen: "Siehe, ich bin ein großer Tora-Gelehrter. Warum sollte ich mich einem Lehrmeister unterwerfen, damit dieser mich in der Tora anleite oder mir mein tägliches Verhalten, meine Dienstleistungen an G-tt vorschreibe? Ich kann mich selbst anleiten!" Denn wer war größer als Nadaw und Awihu? Dabei aber lag, nach R. Elieser, die einzige Ursache für ihre schwere Bestrafung darin, dass sie es an Ehrerbietung ihrem Lehrer und Meister gegenüber ermangeln ließen.

Es ist ein unschönes Merkmal des jüdischen Lebens unsere eigenen Tage, dass Leute, die selbst nur wenig wissen und von Jüdischkeit nur geringe Ahnung haben, sich berufen fühlen, den geistigen Führern ihrer Gemeinden Vorschriften zu machen. Zum Beispiel bestehen sie darauf, als Laien, in "religiösen Ausschüssen" zu sitzen und dann festzulegen, wie der G-ttesdienst gestaltet werden soll, welche jüdischen Bräuche und Gesetze eingehalten und welche "abgeschafft" werden sollten, und dergleichen mehr. Es gibt da, insbesondere in Amerika, die Tragikomödie von "Ritualkomitees", die sich derlei Dinge anmaßen und deren Mitglieder zu einem Großteil kaum über ein elementares jüdische Wissen verfügen, von tieferen Kenntnissen der Tora und der Halacha schon ganz zu schweigen.

Sie sollten sich alle an R. Elieser ein Beispiel nehmen und die Lektion nachlernen, dass den Rabbiner, Lehrer und Tora-Gelehrten unseres Volkes viel mehr Respekt gebührt, als sie ihnen normalerweise zu zeigen bereit sind.

von Dr. William Stern
Nach den Werken von Rabbi Menachem M. Schneerson. Herausgegeben von der Lubavitch Foundation, London unter dem Titel "Betrachtung für die Woche".

Dr. Stern arbeitete als Lehrer in Manchester, später in London. Er verstarb am ersten Tag von Chanukka im Jahre 5756 (1995). Der Rebbe persönlich beauftragte Dr. Stern Anfang der 1970-iger Jahre mit der Übersetzung der "Thought for the Week" von Rabbi Yitzhak Meir Kagan. Dr. Stern lehnte zunächst mit der Bemerkung ab, dass "Deutschland eine spirituelle Wüste sei". Der Rebbe antwortete ihm: "Aber die Tora wurde in der Wüste gegeben!"
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