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Die "Kleinigkeiten"

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Die Befreiung aus Ägypten – das Leitmotiv des Pessach-Festes – ist mit dem Korban Pessach, dem Opfer eines Lammes, verbunden. Das Lamm wurde dargebracht und später von jedem einzelnen Haushalte verzehrt, wie uns in dem besonderen Tora-Abschnitt – Parschat Hachodesch – erzählt wird.

Jeziat Mizrajim (der Auszug aus Ägypten) bedeutete nicht allein die Befreiung vieler Einzelpersonen, sondern die Befreiung eines Volkes. Sie begann mit der Erklärung G-ttes: "Wahrlich, ich habe das Leiden meines Volkes gesehen". Dies führte zu der Forderung: "Lass mein Volk ziehen" (Ex. 5, 1), und zu dem g-ttlichen Befehl an Moses: "Bring mein Volk, die Kinder Israel, aus Ägypten heraus" (Ibid. 3, 10). Deshalb sollte das Korban Pessach das Thema "Volk" betonen, die Idee von Gesamtheit und Gemeinschaft – und doch tut es das gerade nicht. Es stimmt zwar, dass die ganze "Gemeinde", alle zusammen, den Befehl bekam, das Opfer darzubringen, aber sie wurde angehalten, dass jeder einzelne Haushalt sein eigenes Lamm haben musste; jeder einzelne Jude war auserwählt und gezählt worden, um an der Mahlzeit teilzunehmen, und jeder wurde für die Dauer dieser Mahlzeit auf sein eigenes Heim und seine Familie beschränkt.

Das Korban Pessach lehrt uns, dass selbst ein Gemeinschafts-Projekt mit der Einzelperson, der Familie und dem engsten Kreise anfangen muss. Ferner soll man sich nicht auf Verallgemeinerungen und allumfassende Entscheidungen konzentrieren sondern auf die "kleinen" Pflichten des täglichen Lebens. Dies ist der Weg, der zur Befreiung des Einzelnen sowie der Gesamtheit führt.

Leiter von Gruppen und Bewegungen und besonders die geistigen Führer der Gemeinden werden die Botschaft das Korban Pessach besonders bedeutungsvoll finden. Viel zu oft sind sie in "Weltproblemen" verwickelt und in "Angelegenheiten, die die ganze Menschheit betreffen". Selten nur findet man einen Führer, der bereit ist, sich herabzulassen, um die kleinen, gewöhnlichen Sorgen seiner Gemeinde im täglichen Leben an zupacken. Je hervorragender der Führer, desto stärker fühlt er sich veranlasst, sich der ganzen Menschheit zu widmen.

Hat er besonders viel Fantasie, so fühlt er sich bemüßigt, außerdem auch die Nachwelt anzusprechen. Besitzt er die Gabe der Beredsamkeit, so sieht er es als seine Pflicht an, das "Weltgewissen" aufzurütteln. Das führt dann zu Schlagzeilen, und man betrachtet ihn als einen "Führer der Führer" oder "Rabbi der Rabbis". Andere Führer beneiden ihn um sein "Image" und sind bestrebt, es ihm gleichzutun oder ihn gar zu überflügeln.

Oft folgt die Gemeinde selbst diesen Hinweisen auch und entscheidet zusammen mit ihrem Leiter, was die Welt tun oder lassen sollte, wie die Menschheit im allgemeinen sich benehmen sollte, um das Glück späterer Generationen zu sichern. Natürlich ist es im Hinblick auf derartige erhabene und weltweite Ziele nicht mehr am Platze, sich herabzulassen und sich um die große Anzahl jüdischer Kinder zu bemühen, die keine oder nur geringe jüdische Erziehung genießen. Allzu viele jüdische Kinder können nicht als der "weise Sohn" der Haggada angesehen werden. Nein, viele von ihnen können als keiner der vier Söhne eingestuft werden sondern sind eine Art "fünfter Sohn", der überhaupt beim Seder fehlt!

Wäre dies nicht ein würdiges Anliegen?

von Dr. William Stern
Nach den Werken von Rabbi Menachem M. Schneerson. Herausgegeben von der Lubavitch Foundation, London unter dem Titel "Betrachtung für die Woche".

Dr. Stern arbeitete als Lehrer in Manchester, später in London. Er verstarb am ersten Tag von Chanukka im Jahre 5756 (1995). Der Rebbe persönlich beauftragte Dr. Stern Anfang der 1970-iger Jahre mit der Übersetzung der "Thought for the Week" von Rabbi Yitzhak Meir Kagan. Dr. Stern lehnte zunächst mit der Bemerkung ab, dass "Deutschland eine spirituelle Wüste sei". Der Rebbe antwortete ihm: "Aber die Tora wurde in der Wüste gegeben!"
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