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Keine eigentliche Wiederholung

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Jedes Wort von Tora, insbesondere jedes Wort der Schriftlichen Lehre, ist von präziser Bedeutung und abgezählt. Viele Gesetze werden von einzelnen Wörtern oder sogar nur von einzelnen Buchstaben der Tora abgeleitet. Um so mehr muss auffallen, dass in der dieswöchigen Sidra Pekudej, zusammen mit der vorigen Sidra Wajakel, die schon vorher – nämlich in den Abschnitten Teruma und Tezawe – aufgeführten Geräte des Heiligtums und die priesterlichen Gewänder noch einmal verzeichnet und genau beschrieben werden.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, nunmehr hätte doch ein kurzer Hinweis in der Tora genügt, aus dem hervorgehen würde, dass die Israeliten die Geräte und Gewänder tatsächlich so herstellten, wie G-tt es Moses vorgeschrieben hatte; und damit hätte die Tora sehr wohl zahlreiche Verse "sparen" können.

Die hiermit aufgeworfene Frage lässt sich durch die folgenden weiteren Überlegungen noch erhärten: Warum sind in der Tat viele Gesetze (wie oben erwähnt) von einzelnen Wörtern oder Buchstaben abgeleitet? Weil anderenfalls der Text ganz unnötig verlängert worden wäre, ohne irgendwelche logische Notwendigkeit. Ähnliches kann über das Verhältnis von Mischna und Talmud (Gemara) ausgesagt werden. Manche Gesetze finden lediglich eine kurze Andeutung in der Mischna, während sie dann im Talmud des längeren diskutiert und ausgelegt werden. Auch hier ist es so, dass die Mischna ihrerseits mit Worten sparsam umgeht. Ein gleiches Verhältnis stellt sich dann weiter im Laufe der Entwicklungen heraus: Die frühen Kommentare zum Talmud sind im Allgemeinen ausführlicher als der Talmud selbst und danach die späteren Kommentare ausführlicher als die frühen.

Also ist unsere eingangs gestellte Frage noch umso mehr berechtigt. Die Antwort nun gleicht der Antwort, die auf eine ähnlich begründete Frage anderswo bereits gegeben worden ist, und zwar: Warum werden in der Sidra Nasso (Num. 7, 12-83) die von den zwölf Stammesfürsten gebrachten Opfer jedes Mal wörtlich, genau und in jeder Einzelheit wiederholt? Die Tora hätte sich doch mit der Bemerkung begnügen können, dass jeder folgende Fürst dieselben Opfer wie sein Vorgänger brachte. Die Antwort darauf gibt der Midrasch Rabba zu jenem Wochenabschnitt Nasso, und zwar in dem Sinne, dass jeder einzelne Fürst einen unterschiedlichen geistigen Einfluss durch das Darbringen seines Opfers ausüben und herbeiführen konnte. Eben deshalb konnte die Tora nicht sagen, jeder Fürst habe das gleiche Opfer wie sein Vorgänger dargebracht; denn jeder einzelne hatte, individuell, einen unterschiedlichen Geist ausgelöst und ausströmen lassen.

Einen analogen Gedankengang müssen wir auf unsere eigene Frage anwenden, also auf die scheinbare "Wiederholung" der Beschreibung aller für das Heiligtum bestimmten Geräte und Gewänder in unseren augenblicklichen Wochenabschnitten. Die Erklärung ist jetzt diese: Das Heiligtum, das in den früheren Abschnitten Teruma und Tezawe beschrieben worden ist, wie G-tt seine Konstruktion Moses zur Aufgabe stellte, ist ein anderes Heiligtum als dasjenige, das die Israeliten dann – wie in unseren augenblicklichen Wochenabschnitten geschildert – tatsächlich herstellten. Der Midrasch Rabba (Bamidbar, Kap. 12) nennt die beiden, beziehungsweise ein "Heiligtum oben" und ein "Heiligtum unten". Deswegen müssen alle Einzelheiten nochmals aufgeführt werden.

G-tt "beschränkt" sich keinesfalls auf die oberen Regionen, sondern in allen Bereichen will Er Seine Wohnstätte haben, auch in den niedrigsten (s. Tanja, Kap. 36), obwohl es ganz "unten" manchmal vulgär zugeht und oft sehr dunkel ist. Daraus ergibt sich diese ethische Lehre:

Dennoch soll man sich nicht fürchten, man sollte nicht meinen, man könne den Wünschen des Ewigen nicht nachkommen, weil man auf einem so niedrigen Niveau steht und die bittere Dunkelheit des Exils durchmacht. Vielmehr soll man davon überzeugt sein, dass G-tt uns nichtsdestoweniger dies versichert: Wenn man nur ein offenes und großmütiges Herz hat, wenn man alles mit echter Wärme und Herzlichkeit tut, dann gilt G-ttes Ausspruch (Exodus 25, 8): "Ich werde in ihrer Mitte wohnen." G-tt wird uns Seine Hilfe angedeihen lassen, Seine erhabenen Absichten zu verwirklichen.

von Dr. William Stern
Nach den Werken von Rabbi Menachem M. Schneerson. Herausgegeben von der Lubavitch Foundation, London unter dem Titel "Betrachtung für die Woche".

Dr. Stern arbeitete als Lehrer in Manchester, später in London. Er verstarb am ersten Tag von Chanukka im Jahre 5756 (1995). Der Rebbe persönlich beauftragte Dr. Stern Anfang der 1970-iger Jahre mit der Übersetzung der "Thought for the Week" von Rabbi Yitzhak Meir Kagan. Dr. Stern lehnte zunächst mit der Bemerkung ab, dass "Deutschland eine spirituelle Wüste sei". Der Rebbe antwortete ihm: "Aber die Tora wurde in der Wüste gegeben!"
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