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"Passiv" bei der Arbeit

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In einem der ersten Verse der Sidra Wajakhel (Exodus 35, 2) bringt die Tora die grundlegende Bedeutung des jüdischen Schabbat zum Ausdruck: "Sechs Tage soll Arbeit getan werden, und am siebten Tage soll es euch heilig sein, ein Schabbat der Schabbate für G-tt."

Es ist bemerkenswert, dass das Verb hier im Passiv steht, nämlich: "Arbeit soll getan werden" (statt des direkteren und einfacheren "sollst du Arbeit tun"). Damit wird angedeutet, dass die Tora eine Einstellung zur Arbeit anrät. Das heißt: obwohl man auf jeden Fall arbeiten muss, soll man sich doch nicht der schwersten Anstrengung aussetzen. Man soll, gleichsam, "über" der Arbeit stehen – als wenn sie sich von selbst vollenden würde. Des Menschen ganzes Interesse sollte sich nicht allein auf seine geschäftlichen Betätigungen konzentrieren.

Eine amüsante, aber sehr aufschlussreiche Anekdote unterstreicht diesen Punkt: Ein vorzüglicher und hochbegabter Anhänger von Rabbi Dov Baer von Lubawitsch hatte die Leitung einer Fabrik übernommen, die Überschuhe herstellte. Es wurde bald nur zu deutlich, dass sein Interesse sich immer mehr, und ausschließlich, der Verwaltung dieses Betriebes zuwandte. Da sprach sein Rabbi ihn eines Tages an: "Füße, die Überschuhe tragen, das gibt es jeden Tag; aber nun stell dir vor: einen 'Kopf', der in Überschuhe versunken ist!"

Das rasende Geschäftstempo unserer Tage ist die unmittelbare Ursache vieler sozialer und physischer Übel. Wir gehen so vollständig in unseren Geschäften auf, dass wir für niemanden und nichts mehr Zeit haben – und am allerwenigsten für uns selbst. "Zeit ist Geld" ist das moderne Losungswort; und die Magengeschwüre amerikanischer Großunternehmer sind auf der ganzen Welt berüchtigt! Wir haben "Rang und Vorrang" erzielt, weil wir uns nicht einmal mehr genügend Zeit zum Essen und Schlafen gönnen; stets sind wir "bei der Arbeit", nicht nur während der tatsächlichen Dienststunden, sondern auch zu Hause, während der Freizeit und sogar beim Beten – bei uns wird "Geschäft" gedacht, geschlafen und selbst mit in den Urlaub genommen!

Um nun vor diesem völligen Versinken zu warnen, gibt uns unser Vers die G-ttliche Richtlinie: "Sechs Tage soll Arbeit getan werden" – ein positives Gebot, in dem die innere Würde der Arbeit festgelegt und doch gleichzeitig ein wichtiger Vorbehalt ausgedrückt ist. Der Mensch muss seinen "Kopf" freihalten vom vollständigen Untergang in seinem Berufe. Vielmehr legt ihm die Tora nahe, dass er die innere Ruhe bewahren soll, damit er in seiner Freizeit mehr auf seine eigenen und seiner Familie spirituellen Bedürfnisse achten kann, damit er die Synagoge in Ruhe und Würde betreten kann, und nicht wie einer, der in seinen Klub kommt, um dort die jüngsten Börsentendenzen zu diskutieren. (s. auch Mechilta zu Exodus 35, 2.)

Die Frauen waren bekanntlich in der Vorhut derer, die zur Errichtung des Heiligtums in der Wüste beitrugen (dessen Konstruktion im Einzelnen in der dieswöchigen Sidra geschildert wird). Das sind die jüdischen Frauen, die mit ihrem ganzen Einsatz dem jüdischen Heim vorstehen – nicht in erster Linie dem Geschäftsleben. Unerschütterlich ist seitdem in unserer ganzen Geschichte die Idee aufrechterhalten worden, dass das Heim selbst ein Heiligtum ist, von dem G-tt sagt (Exodus 25, 8; s. auch Exodus 29, 45): "Ich werde in ihrer Mitte wohnen." Das ist ein Heim, welches (gleichsam) selbst eine "Stätte" für die G-ttliche Allgegenwart ist.

von Dr. William Stern
Nach den Werken von Rabbi Menachem M. Schneerson. Herausgegeben von der Lubavitch Foundation, London unter dem Titel "Betrachtung für die Woche".

Dr. Stern arbeitete als Lehrer in Manchester, später in London. Er verstarb am ersten Tag von Chanukka im Jahre 5756 (1995). Der Rebbe persönlich beauftragte Dr. Stern Anfang der 1970-iger Jahre mit der Übersetzung der "Thought for the Week" von Rabbi Yitzhak Meir Kagan. Dr. Stern lehnte zunächst mit der Bemerkung ab, dass "Deutschland eine spirituelle Wüste sei". Der Rebbe antwortete ihm: "Aber die Tora wurde in der Wüste gegeben!"
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