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Wesentliches und Unwesentliches

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Manche Philosophen behaupten, es gäbe mehr Böses als Gutes auf der Welt. Der Tod herrscht allerdings, und Unfälle, Katastrophen und Leid gibt es zur Genüge. Maimonides ("More N'wuchim" III, Kap. 12) jedoch widersprach dieser Ansicht, indem er darauf hinwies, dass Notlagen, die dem Menschen von G-tt her erwachsen, selten und ungewöhnlich sind. Die meistes seiner Drangsale bringt der Mensch selbst über sich, durch seine Gier, durch seine Weigerung, sich mit all dem zufrieden zu geben, was für ihn unbedingt lebenswichtig ist, und was von G-tt deshalb auch in Hülle und Fülle gewährt wird. So mancher ist gewillt, große Schulden einzugehen, ja sogar sein Leben aufs Spiel zu setzen, nur um seine Sucht nach unnötigem Luxus zu befriedigen. Eine solche Haltung kann zu viel Unglück führen.

Die ganze Welt ist nur um des Menschen willen geschaffen worden. In Seiner großen Huld hat der Schöpfer auch ein allgemeines System von Einheitlichkeit festgelegt, soweit es sich um die menschlichen Bedürfnisse handelt: Die Dinge, die der Mensch am nötigsten braucht, eben diese sind es auch, die am reichhaltigsten zur Verfügung stehen. Diese Tatsache kann sofort als solche erkannt werden, wenn wir einige der alltäglichen Bedürfnisse des Menschen unter die Lupe nehmen und dabei ihre Unerlässlichkeit mit ihrer Verfügbarkeit vergleichen.

LUFT

Die Luft ist für das menschliche Leben unerlässlich. Kein Mensch kann ohne Luft auskommen, selbst nicht für nur einen kurzen Augenblick. Sie steht ganz gewiss oben an auf der Liste der elementaren menschlichen Notwendigkeiten. Die Luft ist daher überall vorhanden, zu jeder Zeit, und kostenlos. Zu atmen kostet nichts; und man braucht sich nicht zu bemühen, "hinter der Luft herzurennen" (wie man zum Beispiel erst zu einem Flusse gehen muss, um dort Wasser zu schöpfen).

WASSER

Wasser ist weniger wichtig als Luft, aber wichtiger als Speise. Man kann länger ohne Speise als ohne Wasser am Leben bleiben. Auch wo Essen vorhanden ist, würde das menschliche Leben gefährdet sein, wenn es kein Wasser dazu gibt. Aus diesem Grunde ist Wasser weit über die Welt verteilt, verhältnismäßig reichlich und billiger als Essen. In der Tat, wer da bereit wäre, "zum" Wasser zu gehen – zum Flusse, zum Bache oder zur Quelle –, statt zu erwarten, dass es ihm ins Haus geliefert wird, könnte es frei und in unbegrenzter Quantität erhalten.

SPEISE

Essen, obwohl sehr wichtig, ist immerhin für den menschlichen Fortbestand von nicht ganz so kritischer Bedeutung wie Wasser. Aber es ist auch nicht so reichlich vorhanden. Außerdem ist Speise selten "frei", vielmehr muss sie gekauft bzw. mit gewisser Anstrengung erst produziert werden.

KLEIDUNG

Selbst die einfachste Kleidung kostet gewöhnlich mehr als Speise, weil nämlich Kleider für den Menschen weniger wesentlich sind als das Essen. Sollte jemand auch nur Fetzen und Lumpen tragen, sollte er sogar ganz unbekleidet sein, so kann er doch auf eine geraume Zeit weiter existieren. Was kostspielige, luxuriöse Gewänder angeht, so liegt es schon an der Tatsache allein, dass sie keinem wichtige Zwecke dienen (es sei denn, um schön ausstaffiert einherzustolzieren!), dass sie verhältnismäßig selten sind und es schwere fällt, sie zu beschaffen.

WOHNUNG

Hausbesitzer zu sein, ist für das Fortleben noch weniger wesentlich als schöne Kleider zu besitzen. Gewöhnlich ist es möglich, dass man eine Wohnung mieten oder gar den Elementen in einfachen und unbeständigen Hütten oder Zelten widerstehen kann. Daraus erklärt sich, dass ein Haus bedeutend mehr als allerfeinste Kleidung kostet.

SCHMUCK

Diamanten, Perlen oder anderer luxuriöser Schmuck können noch teurer als ein Haus sein. Edelsteine sind sehr selten, und sie zu gewinnen, erfordert oft große (manchmal auch gefährliche) Anstrengungen; man denke nur an die die Untersee-Taucher, die nach Perlen suchen, oder an das Minen von Diamanten. Dass sie so selten sind, ist aus eben dem Grunde weil sie für die menschliche Existenz als solche überhaupt unwesentlich sind.

Würde der Mensch sich allein mit den elementaren, von G-tt gewährten Notwendigkeiten zufrieden geben, dann könnte er ein insgesamt friedliches und ruhiges Leben führen. Dann wäre er wahrlich dankbar dafür, dass G-tt die "wirklich wichtigen" Dinge "wirklich gegeben" hat. Wie unsere Weisen es ausdrücken (Bereschit Rabba 14, 9): "Für jeden einzelnen Atemzug, den er macht, sollte der Mensch den Schöpfer preisen."

von Dr. William Stern
Nach den Werken von Rabbi Menachem M. Schneerson. Herausgegeben von der Lubavitch Foundation, London unter dem Titel "Betrachtung für die Woche".

Dr. Stern arbeitete als Lehrer in Manchester, später in London. Er verstarb am ersten Tag von Chanukka im Jahre 5756 (1995). Der Rebbe persönlich beauftragte Dr. Stern Anfang der 1970-iger Jahre mit der Übersetzung der "Thought for the Week" von Rabbi Yitzhak Meir Kagan. Dr. Stern lehnte zunächst mit der Bemerkung ab, dass "Deutschland eine spirituelle Wüste sei". Der Rebbe antwortete ihm: "Aber die Tora wurde in der Wüste gegeben!"
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