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Die tickende Bombe

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Die Vollkommenheit der Thora drückt sich nicht nur in ihren Wegen und Weisungen aus, sondern auch in der hundertprozentigen Ausnutzung ihres Potenzials – der mündlichen und vor allem der schriftlichen Überlieferung. Jedes Wort in ihr, ja sogar jeder Buchstabe, ist von perfekter Präzision, und von nur einzelnen Buchstaben lernen wir schon ganze Gesetzesschlüsse auf zahlreichen Gebieten. In unserem Wochenabschnitt aber, und so auch im vorigen, erfahren wir Dinge, die diesem Wesen der Thora völlig widersprechen.

Über den detaillierten Aufbau des Heiligtums, welcher Thema dieser Woche ist, erfuhren wir bereits in den Thoralesungen Truma und Tezawe. Wenn die Thora uns mitteilen wollte, dass das Heiligtum ordnungsgemäß aufgebaut wurde, hätte es doch ausgereicht uns zu erzählen, dass die Kinder Israels das Stiftszelt, wie G-tt es ihnen angeordnet hatte, aufstellten! Wozu hielt es die Thora für notwendig diesen ganzen Prozess zu wiederholen?

Zwei Ebenen

Auf dieselbe Frage stoßen wir auch im Wochenabschnitt Nasso im Vierten Buch Mose. Die Thora erzählt uns dort von der Opfergabe der zwölf Stammesfürsten Israels bei der Einweihung des Heiligtums. Tatsächlich aber war die Abgabe aller Stammesfürsten völlig identisch, und dennoch wiederholt die Thora zwölf Mal dieselbe Abgabe!

Die Antwort darauf ist etwas mystisch: Die Abgaben waren tatsächlich identisch, aber nur in ihrem Äußerlichen, ihrer materiellen Zusammensetzung. Ihr spiritueller Inhalt hingegen war bei jedem Stammesfürsten verschieden und hatte für jeden Stamm seine besondere Bedeutung1. Deshalb führte die Thora jede Opferabgabe von ihnen an, denn in Wirklichkeit waren sie voneinander unterschieden.

Das spirituelle Heiligtum

Auf diese Weise kann auch die Wiederholung der Ausführungen über den Aufbau des Stiftszelts in unserem Wochenabschnitt erklärt werden. Das Heiligtum, welches G-tt aufzubauen gebot, unterscheidet sich völlig von dem Heiligtum, das die Kinder Israels errichteten (und nicht, weil sie die falschen Pläne hatten).

Nur äußerlich passt das erbaute Stiftszelt zu dem, wie G-tt es Mose beschrieb, aber in ihrem Wesen handelte es sich um zwei verschiedene Heiligtümer, wie die Thora es uns selbst deutet: Das sind die Berechnungen des Heiligtums, des Heiligtums des Zeugnisses; das Wort „Heiligtum“ steht zweimal – auf das materielle und spirituelle Heiligtum hinweisend.

Das erste Heiligtum offenbarte G-tt Mose am Berg Sinai. Zwar besteht es aus „Gold, Silber und Akazienholz“, aber in den spirituellen Begriffen G-ttes. Dort stand das spirituelle Heiligtum im Vordergrund. Anders aber in den Thoralesungen Wajakhel und Pekudej. Dort handelt es sich um das irdische Heiligtum, welches aus all den hier erwähnten Teilen bestand und aufgebaut wurde.

Unterschätz die nicht!

Ohne Zweifel ist das spirituelle Heiligtum auf einem viel höheren Niveau als jenes, das hier unten erbaut wurde. Und dennoch bevorzugte G-tt Seine Herrlichkeit ausgerechnet hier unten, in dem irdischen Heiligtum, zu offenbaren, wie es heißt: Und so vollendete Mose das Werk, und sofort danach bedeckte die Wolke das Stiftszelt und die Offenbarung G-ttes füllte das Stiftszelt – denn gerade durch das irdische Heiligtum wurde der Wille G-ttes „gesättigt”!

Daraus können wir einen sehr wichtigen Schluss für uns selbst ziehen: Der Mensch mag denken, dass er als Individuum nicht viel bewirken kann. Diese Einstellung verstärkt sich, wenn es um seine Beziehung mit G-tt geht, Welcher doch weit über unserem Spektrum steht. „Was bewirke ich schon mit einer Mitzwa, einem Gebet oder einer guten Tat (welche womöglich von dem Mitmenschen nicht einmal geschätzt wird)“, denkt er sich. Da lehrt uns die Thora: „Unterschätze deine Kraft nicht!“

G-tt wählte das Heiligtum in dieser Welt um sich in ihm zu offenbaren. So auch hat Er größtes Interesse an den Taten der Menschen und schätzt sie höher als das Trachten der Engel! Deine Taten haben ein großes Gewicht. Wisse mit ihnen umzugehen!

(Likutej Sichot, Band 1, Seite 195)

Fußnoten
1.

Bamidbar Raba, Abschnitte 13 und 14

von Benjamin Sufiev
Benjamin Sufiev ist Publizist und Thoralehrer in Wien. Er ist Vater von vier Kindern und hat 2016 sein erstes Buch verfasst: Belebende Parascha – Thoradeutungen des Lubawitscher Rebben für die Gegenwart. Es ist hier erhältlich.
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