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Angst? Gut!

Angst? Gut!

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Die Tora schildert eine interessante Szene während der Einweihung der Stiftshütte. Aharon, der neue Hohepriester, soll G-tt sein erstes Opfer darbringen. Aber er steht an der Seite und zögert, seine Pflicht zu tun.

Sein Bruder Mosche geht zu ihm und sagt: „Aharon, warum fürchtest du dich? L’Kach niwcharta – darum wurdest du auserwählt!“ 1

Der heilige Baal Schem Tow, der Begründer der chassidischen Bewegung, erläuterte diese beiden Worte:

Gerade weil Aharon weder nach Macht noch nach Ruhm strebte, wurde er zum Hohenpriester auserwähltGerade weil Aharon weder nach Macht noch nach Ruhm strebte, wurde er zum Hohenpriester auserwählt. Das verstand Mosche als er sah, dass sein Bruder zögerte, das hohe Amt anzunehmen. Also sagte er zu ihm: „Darum wurdest du auserwählt!“, wegen deiner Demut und deiner G-ttesfurcht.

Vergleichen wir das einmal mit den Aussagen eines angehenden Politikers: „Ich bin der Beste für diese Aufgabe!“ oder : „Dank meiner Erfahrung bin ich jeder Herausforderung gewachsen!“ Welcher Politiker ist sich über die Verantwortung im Klaren, die auf ihn zukommt, und welcher hat Angst davor?

Ist es nicht seltsam, dass selbstgefällige Politiker uns mit ihren Phrasen überhäufen, obwohl die meisten Bürger in Umfragen angeben, dass sie kein Vertrauen mehr in diese Leute haben?

Rabbi Scholom Dow Ber, der fünfte Rebbe von Chabad Lubawitsch, riet einmal einem seiner Chassidim, Schochet (ritueller Schlachter) zu werden. Aber der Chassid zögerte: „Rebbe, ich habe Angst davor! Das ist eine enorme Verantwortung!“ (Wegen der großen Verantwortung wird diese Aufgabe traditionell nur außergewöhnlich frommen und integren Menschen anvertraut.)

Der Rebbe lächelte und sagte: „Wen sonst soll ich zum Schochet ernennen? Jemanden, der sich nicht fürchtet?“

Natürlich brauchen Führungspersönlichkeiten intellektuelle Fähigkeiten. Aber Demut und ein einwandfreier Charakter müssen hinzukommen.

Die Welt wäre viel besser, wenn künftige Politiker sich diese Lektion zu Herzen nehmen würden.

Fußnoten
1.

Lev. 9:7 und Rashi ad loc.

von Levi Avtzon
Rabbi Levi Avtzon lebt mit seiner Frau Chaya in Johannesburg, Südafrika. Er veröffentlicht wöchentlich seine Gedanke und Ideen zum Wochenabschnitt, aktuellen und vergangenen Ereignissen.
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