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Dieselbe Reise

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Die Kabbalisten lehren, dass jeder von uns sieben grundlegende Neigungen und Charaktereigenschaften besitzt. Diese sind: Güte, Zurückhaltung, Mitgefühl, Ausdauer, Hingabe, Bindung und Würde. Alle unsere Gefühle und inneren Qualitäten bauen auf diesen sieben Attributen auf.

Während den sieben Wochen zwischen Pessach und Schawuot bildet das Verfeinern und Vertiefen dieser sieben Eigenschaften die spirituelle Bedeutung, die der Mizwa des Omer-Zählens zugrunde liegt. Jede Woche befassen wir uns mit einem anderen dieser sieben Attribute und versuchen, u.a. mittels Gebeten, unsere Seelen von erworbenen Unreinheiten zu befreien.

Doch obwohl dieses Verfeinern während dieser sieben Wochen betont sein mag, ist es dennoch ein Prozess, der über diese Zeit hinausgeht. Beginnend in der Kindheit begleitet er uns durch unser ganzes Leben.

Das erste Omer-Zählen fand sogleich nach unserem Auszug aus Ägypten statt, nachdem wir über Jahrhunderte in Knechtschaft gelebt hatten. Durch unsere Umgebung beeinflusst, näherten wir uns der niedrigsten Stufe der Verdorbenheit, nachdem wir – manchmal freiwillig, manchmal durch Zwang – den korrupten ägyptischen Gepflogenheiten zum Opfer fielen. Wir waren so tief gesunken, dass nur noch G-tt uns erlösen konnte. Wir mussten durch seinen ausgestreckten Arm aus Ägypten hinausgeführt werden.

Doch woher kamen sie, diese sieben Eigenschaften? Und wie war es möglich, dass sie derart verfeinert und frei jeglicher Verunreinigung sein konnten, so dass wir so offen und ohne Scham, gerade mal sieben Wochen später, vor G-tt stehen konnten, um die Tora am Sinai zu empfangen?

Jüdische Mystik – Chassidismus und Kabbala – erklären, dass diese sieben Attribute vererbt sind, unzerstörbare Eigenschaften, die jeder einzelne von uns als Geburtsrecht erhielt, ein untrennbarer Teil von dem, was wir sind. So werden wir geboren: gütig, diszipliniert, mitfühlend, hingebungsvoll, ausdauernd, mit G-tt, der Welt und unserem Volk verbunden, mit einem inneren Gefühl für Würde, Selbstwert und dem Respekt für die Würde Anderer.

Diese Eigenschaften können uns niemals entrissen werden. Sie können beschädigt, korruptiert, pervertiert oder entstellt, niemals jedoch zerstört werden. Trotz unserer Lebenserfahrung und Kindheitstraumata, können sie immer, ich wiederhole, immer korrigiert werden. Wir können zu ihnen in ihrer reinsten Form zurückkehren. Und zwar schnell.

Die Verschmutzung, die wir in Ägypten erlitten, dauerte jahrelang. Und dennoch waren nur 49 Tage nötig um dieselbe zu reinigen und aufzugeben, eine Aufgabe, die wir nur allein erledigen konnten. G-tt mag uns aus Ägypten herausgeholt haben, aber die Aufgabe der Läuterung überliess Er uns. Es musste etwas sein, das wir mit unserer eigenen Initiative und Energie bewerkstelligen. Etwas, das wir uns erkämpfen. Und wenn einmal erworben, konnten wir es unseren Nachkommen weitergeben.

Und so wie es für unsere Vorväter war, so ist es auch heute für uns. Auch heute besitzen wir, genau so wie sie, die Fähigkeit unsere Fehler und Makel zu korrigieren. Ungeachtet dessen, was wir in unserem Leben erlebt oder getan haben mögen – sei es früh in der Kindheit oder später im Leben – haben wir die Gelegenheit und Möglichkeit wieder gut zu machen, umzukehren und das in Ordnung zu bringen, was unsere Erfahrung beschädigt hat. Und wir können es mit unserer eigenen Energie und Kraft, Weisheit und Verständnis, mit unserem Glauben und Willen tun.

Und dies ist nicht nur für uns von Bedeutung, sondern auch für unsere Kinder und die Art und Weise, wie wir sie erziehen. Wie anders ist es doch, ob man Güte in ein Kind einpflanzen muss, oder lediglich die Güte, die das Kind bereits besitzt, ans Tageslicht befördern kann. Oder der Unterschied zwischen Begriffe wie Zurückhaltung und Bescheidenheit in einem Kind neu zu wecken und dem Wissen, dass sie diese Eigenschaften vom ersten Lebenstag an besitzen.

Damit sind wir jedoch unsere Erziehungsaufgabe nicht los. Wir müssen immer noch das ans Licht-Treten dieser Eigenschaften aus ihren manchmal unterirdischen Tiefen fördern. Manchmal müssen wir sehr lange graben, bevor wir die Quelle finden. Aber diese Station auf der elterlichen Erziehungsreise ist weit vom Glauben entfernt, dass Kinder unbeschriebene Blätter sind, die darauf warten, beschriftet zu werden. Oder von der Meinung, dass ohne unerschöpfliche elterliche Anleitung ihr wahres animalische und böse Selbst zum Vorschein kommen wird, und unsere Kinder unwillkürlich zu selbstsüchtigen und wilden Tyrannen heranwachsen, nur auf ihr eigenes Überleben, Befriedigung und Vergnügen ausgerichtet.

Falls jedoch unsere Kinder diese wertvollen Eigenschaften wie Güte, Disziplin und Mitgefühl bereits als eigene Anteile dessen, was sie sind, besitzen, dann liegt unsere Aufgabe als Eltern darin, eine Umgebung zu schaffen, in der Güte, Verantwortung, Weisheit und Gerechtigkeit zum Vorschein kommen können und willkommen geheissen werden.

Diese höheren, subtilen Eigenschaften sind empfindlich, verletzlich und zerbrechlich. Genau so wie unsere erhabenen Seelen werden sie sich rasch zurückziehen und verbergen sobald sie mit einer korrupten und feindlichen Welt konfrontiert werden. Sie werden ganz vorsichtig ihren Kopf vertrauensvoll und neugierig hinausstrecken, sie werden sich umschauen und sich aufs Eis hinauswagen, Ablehnung fürchtend. Wenn wir sie erblicken, müssen wir, die Eltern, sie willkommen heissen und feiern. Werden die höheren inneren Werte willkommen geheissen und genährt, so werden sich unsere Kinder gesünder fühlen. Sie dürfen erleben, dass sie in Harmonie mit ihrem inneren Selbst sind.

So wie auch wir uns besser fühlen, wenn wir etwas Gutes getan haben, uns verantwortlich gezeigt haben oder mutig waren und unsere Verpflichtungen und Versprechungen eingehalten haben, so ist es auch bei unseren Kindern. Diese Handlungen erhöhen ihr Selbstwertgefühl. Sie sind im Einklang mit ihrer eigenen, inneren Natur. Für unsere Kinder bedeutet das leben dieser Werte nicht ein Zeichen von Gehorsam, sondern der Weg zu innerer Freude und Befriedigung.

Umgekehrt fühlen sie sich schlecht, wenn sie selbstsüchtig oder grausam waren, selbst wenn sie einen persönlichen Gewinn davon tragen. Gewinn, auf diese Art gestohlen, ist kurzlebig, erzeugt Schuldgefühle, Scham oder ein niedriges Selbstwertgefühl. Sowohl ein Kind wie auch ein Erwachsener, handelt, wenn er unfreundlich, egoistisch und unverantwortlich ist, gegen seine Natur. Und wenn dies geschieht, dann werden wir, genau so wie unsere Vorväter in Ägypten, schwach. Wir fühlen uns elend. Und, was am wichtigsten ist, wir bringen uns um die Möglichkeit unser höchstes Potential zu erreichen. Wir betrügen uns selbst. Und wir betrügen G-tt.

In Ägypten lebten wir ein Leben, das unserer eigenen Natur entgegengesetzt war. Zu dem hinabzusinken, was die Kabbalisten die „49. Stufe der Verunreinigung“ nannten, war schmerzhaft. Wir schwammen jeden Tag gegen den Strom, in unserer Verunreinigung gegen unsere eigene heilige Natur ankämpfend. Dies war die tiefere Versklavung, die wir in Ägypten erlebten, dies war die Rückgrat brechende Schufterei, die die Ursache unseres Leidens war. Und wir beteten dafür, dass sich die Flut zurückziehen werde. Gequält schrieen wir zu G-tt, er möge uns doch aus unserem Gefängnis herausholen und uns zu unserem wahren Selbst zurückbringen. Wir suchten Erfüllung durch das Zurückkehren zu unserem wahren Selbst, das unbefleckt in uns lag, von dem wir irgendwie wussten, sogar im Müllhaufen Ägyptens, dass es weiterhin in uns liegen würde. Wir suchten einen Pfad durch die Wüste unserer befleckten Gefühle und Wertvorstellungen, ein Pfad, der uns nach Hause führen würde, heim zu dem, was wir wirklich waren, was wir ersehnten und wozu wir erschaffen waren.

Und genau so verhält es sich mit unseren Kindern.

Obwohl es manchmal so aussieht, als ob sie ägyptische Kleidung tragen, und sie bis zur 49. Stufe der Unreinheit gesunken sind (G-tt behüte!), sind auch sie auf einer Reise zu ihrem inneren Selbst. Auch sie versuchen ihre Flecken wegzuputzen. Auch sie sehnen sich nach der Offenbarung G-ttes auf einem Berg, nach dem Geschenk der Tora erworben durch unentwegtes Streben, Verfeinerung, Korrektur und zum Vorschein kommen ihres inneren Wesens, ihrer sieben vererbten Eigenschaften.

Und genauso wie wir das Vertrauen des Allmächtigen in uns brauchen um diesen Weg vertrauensvoll und mutig begehen zu können, so brauchen auch sie unser Vertrauen in sie. So wie unser erster Führer Moses uns mit dem Beispiel von Führung und Anleitung vorausging, als wir alleine durch die Wüste wanderten, so brauchen auch unsere Kinder dasselbe von uns.

Kinder und Erwachsene; schlussendlich begeben wir uns auf dieselbe Reise. Wir erben dieselben inneren Eigenschaften. Wir sehnen uns nach der gleichen Liebe und Führung. Wir streben danach das beste dessen, was wir sind, zu enthüllen und zu verfeinern, und uns selbst denen, die wir lieben und G-tt, zu übergeben.

von Jay Litvin
Jay Litvin lebte in Rechovot, Israel, und leitete Chabads Projekt für Terroropfer. Er diente auch als medizinisches Bindeglied für die „Kinder von Tchernobyl", den Kindern, die aus den von der Nuklearkatastophe verseuchten Gebieten der Ukraine nach Israel gebracht werden. Er schrieb regelmässig sehr bewegend über seine Erfahrungen im Kampf gegen seine Krankheit und über seine Gedanken und Gefühle im Zusammenhang mit der Erziehung seiner sieben Kinder. Sein letzter Artikel hiess „Dieselbe Reise"
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des omek Magazine Chabad/Zurich
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