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Natur und Wesen des Exils

Natur und Wesen des Exils

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Wo die Tora vom "Bund zwischen den Stücken" spricht, heißt es (Genesis 15, 12-13), dass "eine Angst, eine große Finsternis" über Abraham fiel, und dass seine Kinder "Fremdlinge in einem ihnen nicht gehörenden Lande" sein würden. Wie der Midrasch es erklärt, bezog sich diese G-ttliche Botschaft nicht nur auf die ägyptische Versklavung, sondern gleichfalls auf die vier späteren Exile, das sind die Zerstreuung unter den Babyloniern, den Persern, den Griechen und die gegenwärtige Diaspora.

Das hebräische Wort für "Bund" (Brit) beinhaltet einen für beide Seiten bindenden, von gegenseitiger Liebe getragenen Vertrag, der in allen Umständen eingehalten werden muss. Da aber ist es sehr erstaunlich, dass bei diesem "Bund zwischen den Stücken" – der also als ein Ausdruck der Liebe G-ttes zu Abraham anzusehen ist – von Exil, Verbannung und Verfolgung die Rede ist.

Noch eine weitere schwierige Frage, von Talmud und Midrasch angeschnitten, gehört zu diesen Problem und muss geklärt werden:

In Bezug auf die Cherubim, die sich auf der Bundeslade im Allerheiligsten des Tempels befanden, stellt der Talmud (Baba Batra 99a) fest, dass diese zu einer Zeit G-ttlichen Wohlwollens, wenn Israel G-ttes Willen befolgte, ihre Gesichter einander zuwandten. Wenn aber die Juden durch Nichtbefolgung der Tora G-ttes Missfallen erregten, dann wandten, wie durch ein Wunder, die Cherubim sich voneinander ab. Der Midrasch seinerseits erzählt, dass nach der Zerstörung des Tempels – und dies bringt uns zum Fasttag des 9. Aw – der Feind das Allerheiligste betrat und dabei die Cherubim einander zugewandt vorfand. Danach sandte er die Cherubim an alle Nationen der Erde mit der Botschaft: "Seht, was dieses Volk anbetet!"

Auch hier stehen wir einen augenscheinlichen Widerspruch gegenüber: Die Zerstörung des Tempels war eine Folge von Israels Sündhaftigkeit – dies war daher gewiss nicht eine Zeit G-ttlichen Wohlwollens? Warum sollten gerade da die Cherubim sich einander zuwenden? Warum sollte das Symbol der G-ttlichen Liebe sich genau in dem Augenblick kundtun, da die Juden die G-ttliche Strafe ereilte? Um diese Schwierigkeit zu lösen, müssen wir zunächst versuchen, Bedeutung und Wesen von "Galut" (Exil) klarer zu verstehen.

In der chassidischen Literatur wird die Natur von "Galut" durch einen Vergleich mit dem Lehrer-Schüler-Verhältnis erhellt. Im Unterricht misst der Rabbi sorgfältig die intellektuelle Aufnahmefähigkeit des Schülers ab, und dementsprechend legt er seine Lehrmethode fest. Es kann jedoch vorkommen, dass beim Unterricht dem Rabbi ganz plötzlich eine glänzende Idee kommt. Es ist eine psychologische Tatsache, dass ein solcher "Gedankenblitz" gleich wieder verlorengehen kann, wenn man ihn nicht sofort seine ganze Aufmerksamkeit schenkt; hinterher könnte er auch bei größter Anstrengung nicht mehr "ergattert" werden. Deshalb mag der Rabbi sich veranlasst sehen, sein ganzes Augenmerk alsbald dieser neuen Idee zuzuwenden, um sie zu verstehen und zu meistern, damit er sie danach auch seinen Schülern übermitteln kann.

Dabei ist es jedoch unvermeidlich, dass die sichtbare Beziehung des Rabbi zu seinem Schüler geschwächt ist, solange er im Verfolg der neuen Idee abgelenkt ist: Je mehr er in seine Gedanken vertieft ist, desto weniger kann er in dieser Zeitspanne seinem Schüler beibringen. Je tiefgründiger seine Idee ist, um so mehr wird die Aufmerksamkeit des Rabbi in Anspruch genommen, um so größer aber wird auch die Kluft zwischen ihm und dem Schüler – bis dieser sich schließlich im "Exil" fühlt. Dennoch ist diese Schwächung der Beziehungen nur eine äußerliche, denn die schließliche Absicht ist doch, dass der Schüler mehr lernt. Der Rabbi belässt den Schüler vorübergehend im "Exil", um damit zu einer besseren späteren Belehrung übergehen zu können.

Diese Analogie lässt uns den Zweck unserer eigenen Verbannung und Unterdrückung klarer verstehen. Das Endziel des Exils ist gleich dem Hochziel der G-ttlichen Offenbarung. Wir müssen ein vorübergehendes Exil durchmachen, eine rein äußerliche Schwächung der Beziehung zu G-tt, um am Ende desto besser befähigt zu sein, die G-ttliche Offenbarung zu erleben, gemeinsam mit der zukünftigen Erlösung des jüdischen Volkes.

Dabei ist auf eine historische Tatsache hinzuweisen:

Läge der Zweck des Exils ausschließlich in einer Sühnung für die Sünden, dann müsste seine Intensität doch allmählich geringer werden, weil die Sünden, wenn sie fortschreitend gesühnt werden, sich ebenfalls verringern. Indessen ist das Exil in keiner Weise milder geworden, im Gegenteil, es wird härter.

Dasselbe Bild zeigte sich im Verlauf des Exils unserer Vorväter in Ägypten. Während der ersten 17 Jahre, als Jakob noch lebte, wurden die Israeliten mit Achtung behandelt; diese waren ihre besten Jahre in Ägypten. Auch nach Jakobs Tod gab es noch keine Versklavung, solange seine Söhne lebten. Dann fing es langsam an; und erst nach der Geburt von Moses’ Schwester Miriam (ihr hebräischer Name bedeutet "Bitterkeit") und von da an im Verlauf der noch verbleibenden 86 Jahre erreichte die Härte der Unterdrückung ihren traurigen Höhepunkt.

In unserer jetzigen Diaspora ist die Entwicklung eine ähnliche gewesen. Physische Leiden haben zugenommen, während parallel damit ein Rückgang in der Manifestation G-ttes zu verzeichnen ist. Von den Tanna’im (den Mischna-Lehrern) über die Ammora’im (die Talmud-Weisen) bis heute ist G-ttes Eingebung an uns immer geringer geworden, so dass es jetzt so gut wie keine Enthüllung G-ttes gibt. Und eben dadurch ist, den Propheten zufolge, das bevorstehende Eintreten der messianischen Ära angezeigt!

Unser Zeitalter selbst kann deshalb die Bezeichnung "Ikweta d’Meschicha" tragen, wörtlich übersetzt: "Die Ferse des Maschiach". Der Vergleich mit der Ferse des menschlichen Fußes ist deshalb gegeben, weil in diesem Teil des Körpers die Lebenskraft die geringste ist; nach den "Awot d’Rabbi Nathan" wird die Ferse als der "Todesengel" des Körpers angesehen.

Aus all diesem ist zu schließen, dass das Exil nicht den Zweck hat, für die Sünden Israels zu sühnen, sondern dass es als ein breiterer ausgedehnterer G-ttlicher Plan zu verstehen ist. Das schließliche G-ttliche Ziel ist vielmehr, ein neues "Licht" zu offenbaren, eine maximale geistige Erhellung herbeizuführen. Eben weil G-tt sich, sozusagen, auf die messianische Ära "konzentriert", wird die augenblickliche Galut finsterer.

Damit lassen sich die Fragen beantworten:

Was die einander zugewandten Cherubim betrifft, wie sie der Feind beim Eindringen in den Tempel vorfand, so gilt dieses: Der Tempel, als G-ttes Heiligtum, war eine stetige Quelle der Offenbarung. Das Allerheiligste widerspiegelte dabei gleichsam G-ttes innerste Absichten. Nachdem die Zerstörung des Tempels (wie wir soeben ausgeführt haben) in Wahrheit der Ansatz einer Entwicklung zu schließlich viel größeren Offenbarungen war, so war dies tatsächlich nichts anderes als der erste Ansatz eines schließlichen G-ttlichen Wohlwollens. Das aber wurde durch die sich zugewandten Cherubim symbolisiert.

Gleiche Bedeutung muss dem Ereignis des "Bundes zwischen den Stücken" beigemessen werden, als G-tt dem Abraham das zukünftige Exil verkündete. Was Er ihm damit tatsächlich mitteilte, war das Versprechen der gewaltigen G-ttlichen Enthüllungen, deren Israel einst gegenwärtig sein kann. Für uns nimmt diese Periode des Wartens und der Vorbereitung die Form von Galut an.

So sollte denn unser tägliches Leben von diesem Gedanken geleitet sein: Unsere Diaspora ist schlimmer und dunkler geworden. In der gegenwärtigen Welt herrscht der Materialismus suprem; wir erleben eine spirituelle Dunkelheit, wie wir sie in unserer gesamten Geschichte vorher nicht durchgemacht haben. Doch die Mischna (Sota 9, 15) kündet an, dass gerade dies die Zeichen für das Kommen des Maschiach sind. Diese verstärkte "Dunkelheit" ist Vorläufer des "Lichtes" der Erlösung. Es ist der Durst jedes einzelnen nach G-tt, der dieses "Licht" schneller herbeiführen wird – bald in unseren Tagen.

von Dr. William Stern
Nach den Werken von Rabbi Menachem M. Schneerson. Herausgegeben von der Lubavitch Foundation, London unter dem Titel "Betrachtung für die Woche".

Dr. Stern arbeitete als Lehrer in Manchester, später in London. Er verstarb am ersten Tag von Chanukka im Jahre 5756 (1995). Der Rebbe persönlich beauftragte Dr. Stern Anfang der 1970-iger Jahre mit der Übersetzung der "Thought for the Week" von Rabbi Yitzhak Meir Kagan. Dr. Stern lehnte zunächst mit der Bemerkung ab, dass "Deutschland eine spirituelle Wüste sei". Der Rebbe antwortete ihm: "Aber die Tora wurde in der Wüste gegeben!"
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