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Das Individuum und die Gesellschaft

Das Individuum und die Gesellschaft

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In einer prophetischen Vision1 vergleicht Jecheskel die Erlösung aus Ägypten mit der Geburt eines Kindes2. Diesem Vergleich liegt die Idee zu Grunde, dass auch das jüdische Volk durch die Befreiung aus Ägypten sozusagen „neu geboren“ wurde, es wurde zu einem Volk und einer Nation.

Das menschliche Leben hat zwei Seiten: Der Mensch hat ein Privatleben und ist zugleich auch Teil einer Gesellschaft, einer Nation und eines sozialen Umfelds. Obwohl diese auf erstem Blick voneinander getrennt zu sein erscheinen, ist es doch menschliche Natur, zu versuchen, die verschiedenen Aspekte des Lebens miteinander zu integrieren und ein harmonisches Zusammenspiel zu schaffen. Dieser Versuch, beide Aspekte des Lebens miteinander zu verbinden, so dass sie sich nicht konkurrenzieren, sondern ergänzen, wird auch im Korban Pessach3 widerspiegelt.

Es gab verschiedene Opfer, die im Tempel dargebracht wurden. Unter ihnen lassen sich zwei generelle Kategorien unterscheiden: Korbanot Zibur (Opfer der Gemeinde) und Korbanot Jachid (Opfer des Einzelnen). Das Korban Zibur war ein gemeinschaftlicher G-ttesdienst, und symbolisiert das Bestreben der Gemeinde, G-tt kollektiv näher zu kommen (das Wort Korban hat seine Wurzeln im Wort Kiruv - Näherung). Das Korban Jachid dagegen, ist das Bestreben des Einzelnen, G-tt auf ganz individueller Art zu dienen.

Das Korban Pessach bildet eine Ausnahme, indem es zugleich ein Korban Jachid und auch ein Korban Zibur war. Jeder Einzelne musste sich an eine „Chawura“4 anschliessen und selbst die finanziellen Kosten mittragen. Gleichzeitig war es jedoch ein Opfer das vom ganzen Volk am selben Tag und zur gleichen bestimmten Zeit im Tempel dargebracht werden musste. Dies symbolisiert den gelungenen Versuch, das Private, Individuelle mit dem Allgemeinen und Sozialen zu integrieren.

In einem Volk kommt diese Idee ganz besonders zum tragen. Während der Einzelne alles fürs Wohl der Nation tun und geben soll, besteht zugleich auch die Verpflichtung der ganzen Gesellschaft, sich mit all ihren Ressourcen für das Wohl eines jeden Einzelnen einzusetzen. Dies kann aber nur geschehen, wenn sich das Individuum und auch die einzelnen „Cliquen“ innerhalb der Nation über ihre eigene, enge Grenzen hinwegsetzen und sich mit andersdenkenden und andersartigen Gruppen und Individuen zusammenschliessen. Dies wird im Wort Pessach - „Überspringen“ und „Hüpfen“ angedeutet. Wir sollen unsere eigene Grenzen und Limiten überspringen, um sich mit allen Teilen eines sehr vielfältigen und vielfarbigen Volkes identifizieren zu können.

Die Erlösung aus Ägypten schloss nicht alle Teile des Volkes ein. Es gab vereinzelte Menschen, die sich in Mizrajim wohl fühlten und es nicht verlassen wollten. Diese durften am grossen g-ttlichen Wunder nicht teilhaben. Die zukünftige Erlösung durch Maschiach (den gerechten Erlöser) dagegen, ist für alle Teile des Volkes gedacht. Vorausgesetzt, dass sich zuerst die verschiedenen Untergruppierungen innerhalb des Volkes auf einen gemeinsamen Nenner bringen können, werden alle daran teilhaben. Wenngleich dies manchmal leider fast als Traum erscheint, wird dies hoffentlich und sicherlich auch sehr bald geschehen!

Fußnoten
1.
Jecheskel Kap. 16
2.
Einige Teile dieser Vision werden auch in der Haggada zitiert
3.
Das Pessach – Opfer, das im heiligen Tempel zur Ehre des Pessach Fests dargebracht wurde
4.
als „Clique“ zu übersetzen
Über den Künstler: David Brook lebt in Sydney Australien und malt und verkauft seine Kunst seit seiner High School Zeit. Zur Zeit beschäftigt er sich mit der Malerei und Webdesign.
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